Große Rebsorten haben gern große Gründungsmythen. Beim Riesling ist es anders. Seine erste bekannte schriftliche Spur ist eine Zeile Buchhaltung. In der Rechnung für das Jahr 1435 notierte ein gräflicher Beamter in Rüsselsheim am Main, was er für die Weingärten seines Herrn ausgegeben hatte. Darunter ein Posten über 22 Schilling. Mehr Pathos gibt die Quelle nicht her, und gerade das macht sie so glaubwürdig.

Die Zeile in der Kellereirechnung

Rüsselsheim gehörte im 15. Jahrhundert zum Herrschaftsbereich der Grafen von Katzenelnbogen, eines Geschlechts, das am Mittelrhein und am Main reich begütert war und mit Wein gute Geschäfte machte. Regierender Graf war damals Johann IV., der 1444 starb. Seine Verwaltung führte über Einnahmen und Ausgaben genau Buch, darunter die Kellereirechnung der Rüsselsheimer Burg.

In dieser Rechnung steht der Eintrag, der heute als ältester Beleg für den Riesling gilt, so sieht es auch die Stadt Rüsselsheim in ihrer Chronik. In der gängigen Lesung lautet er: „Item 22 ß umb seczreben rießlingen in die wingarten“. Übersetzt heißt das ungefähr: ebenso 22 Schilling für Setzreben, also Pflanzreben, vom Riesling für die Weingärten. Als Käufer nennen lokale Darstellungen und das Kulturlandschaftsportal KuLaDig den gräflichen Verwalter Klaus Kleinfisch.

Was dieser Satz belegt, ist schnell aufgezählt. Es gab 1435 einen Rebsortennamen, der dem heutigen Riesling entspricht oder sehr nahe kommt. Man konnte Pflanzmaterial dieser Sorte gezielt kaufen. Und man hielt es für sinnvoll, sie in die gräflichen Weinberge zu setzen. Was der Satz nicht belegt: wie der Wein schmeckte, woher die Reben kamen und ob die Sorte damals schon so hieß, wie wir sie schreiben.

Ein Datum, zwei Lesarten

Gerade beim Kleingedruckten wird es interessant. Die Rüsselsheimer Winzerfreunde und das Stadtmarketing nennen den 13. März 1435, das Kulturlandschaftsportal KuLaDig ebenso. Die Winzerfreunde präzisieren an anderer Stelle, gemeint sei der Beginn des Rechnungsjahres, in dessen Rechnung der Posten steht. Der Namenforscher Jürgen Udolph, der sich ausführlich mit der Herkunft des Wortes Riesling beschäftigt hat, zitiert dagegen nach der Fachliteratur eine Reinschrift der Kellereirechnung „zum 13. Feb. 1435“, die im Staatsarchiv Marburg liegt. Die Chronik der Stadt Rüsselsheim nennt nur das Jahr. Fest steht damit zweierlei: Das Datum bezeichnet die Rechnung, nicht den Tag des Rebenkaufs, und ob es der 13. Februar oder der 13. März ist, lässt sich aus den zugänglichen Quellen nicht entscheiden. Für die Weingeschichte ist der Unterschied verschmerzbar, für Jubiläumsplaner vielleicht nicht.

Spannender ist die Frage nach dem Wort selbst. Die Rechnung ist durch die Regesten der Grafen von Katzenelnbogen erschlossen, die der Archivar Karl E. Demandt 1956 veröffentlicht hat. Udolph ließ die Schreibung von einem Göttinger Kollegen prüfen und kommt zu dem Schluss, dass dort eher kein „ie“ steht, sondern ein „u“. Er ist damit nicht allein: Das Weinbau-Wörterbuch von Rudolf Steffens hält „rueßlingen“ für die richtige Lesung, ein weiterer Kenner erwägt „rüßlingen“. Die deutsche Wikipedia gibt den Eintrag inzwischen in dieser Schreibung wieder. Geklärt ist die Frage damit nicht endgültig, denn die Rüsselsheimer Winzerfreunde und die meisten lokalen Darstellungen bleiben bei „rießlingen“. Beide Lesarten sind im Umlauf, die mit „u“ hat derzeit die besseren fachlichen Argumente. Udolph leitet den Namen von Ruß ab, also von den dunklen Pünktchen, die reifende Rieslingbeeren zeigen können. Das ist eine Deutung unter mehreren. Die Etymologie des Rieslings gilt bis heute nicht als abschließend geklärt, und wer eine Weinprobe mit einem Streit beleben möchte, findet hier dankbares Material.

Die nächsten Spuren

Rüsselsheim blieb nicht lange allein. Udolph listet eine Reihe weiterer Belege aus dem 15. und 16. Jahrhundert auf, jeweils mit Fundstelle. Für 1453 nennt er die Form „rueßlinge“ aus dem Umfeld von Rüdesheim-Aulhausen, für 1464 „ruesseling“ aus Trier. Für Worms führt er, gestützt unter anderem auf das Weinbau-Wörterbuch von Steffens, die Formen „ruszlinge“ für 1490 und „ruszling“ für 1494 an. Aus Pfeddersheim bei Worms stammt ein Beleg „rissling“ von 1511.

Auffällig ist, dass die frühen Formen fast alle ein u oder ü zeigen. Erst später setzt sich das i durch. Einen wichtigen Schritt markiert der Botaniker Hieronymus Bock, der die Sorte in der Ausgabe seines Kräuterbuchs von 1552 als Riesling aufführt. Sowohl Udolph als auch die Wikipedia nennen diesen Beleg. Damit war der Riesling nicht nur ein Posten in Rechnungsbüchern, sondern auch ein Gegenstand gelehrter Pflanzenbeschreibung.

Wichtig ist eine Einschränkung: Die Rüsselsheimer Zeile ist der älteste bekannte Beleg. Das heißt nicht, dass die Sorte dort entstanden ist. Wer 1435 Setzreben kauft, kauft sie von jemandem, der sie schon hatte. Die Rebe muss also älter sein als ihre erste Erwähnung. Wo genau sie herkommt, verrät die Rechnung nicht.

Wie die Rechnung wiederentdeckt wurde

Dass Rüsselsheim heute mit dem Satz „Riesling seit 1435“ wirbt, hat mit einer Wiederentdeckung Ende der 1970er Jahre zu tun. Eine zentrale Rolle spielte der Rheingauer Weinfachmann Josef Staab, im Detail gehen die Darstellungen aber auseinander. Laut der Lokalzeitung gg-online stieß Staab 1980 selbst auf die Urkunde. Die Chronik auf graf-von-katzenelnbogen.de beschreibt dagegen, dass Demandts Fund zunächst in einem Weinfachblatt bekannt gemacht wurde und Staab den Oberbürgermeister bereits 1977 darauf hinwies. Die Stadt reagierte jedenfalls schnell. Oberbürgermeister Karlheinz Storsberg ließ auf städtischem Grund an der Frankfurter Straße einen kleinen Weinberg anlegen. Das Pflanzdatum wird mit dem 16. April 1980 angegeben, gesetzt wurden zunächst 100 Reben. Die erste Ernte 1982 ergab 165 Flaschen, nach gg-online waren es halbe Flaschen.

Der Weinberg als Denkmal

Ein klassisches Riesling-Denkmal aus Bronze oder Stein hat Rüsselsheim nicht. Die Stadt versteht den Weinberg selbst als lebendiges Denkmal für die Ersterwähnung und für den früheren Weinbau am Ort. Nach Angaben der Stadt und der Winzerfreunde misst er rund 800 Quadratmeter. Gezählt werden heute 275 Rebstöcke in elf Zeilen, die im Jahr etwa 300 Liter liefern.

Um die Pflege kümmern sich seit 1985 die Winzerfreunde Rüsselsheim. Der Verein wurde im Jahr des 550. Jubiläums gegründet, das im Museumskeller der Festung Rüsselsheim mit einer Weinprobe gefeiert wurde. Seit 2004 ist nach Vereinsangaben das Weingut Künstler aus Hochheim Partner und unterstützt die Vereinsmitglieder fachlich. Jeder Jahrgang bekommt ein eigenes Etikett, gestaltet von jeweils einer Künstlerin oder einem Künstler aus der Region. Die Flaschen gelten als begehrt, was bei rund 300 Litern keine allzu kühne Behauptung ist.

Was bleibt

Rüsselsheim ist heute eher als Autostadt bekannt als als Weinort, und ein paar hundert Quadratmeter Reben ändern daran nichts. Aber sie erinnern an etwas, das man leicht übersieht: Weingeschichte steckt oft nicht in Chroniken, sondern in Rechnungen. Ein Beamter wollte 1435 nur belegen, wofür er 22 Schilling ausgegeben hatte. Ohne es zu wissen, hat er damit der berühmtesten deutschen Rebsorte ihre Geburtsurkunde ausgestellt. Oder wenigstens ihre älteste Quittung.