Stammbäume haben die unangenehme Eigenschaft, Legenden zu beschädigen. Beim Riesling, der Rebsorte, auf die sich Deutschland so gern etwas einbildet, hat die Genetik genau das getan: Unter den Vorfahren der vornehmsten deutschen Weißweinsorte findet sich ein Massenträger, dessen Wein man im Mittelalter eher nicht vor den Landesherrn gestellt hätte. Dafür erklärt der Blick ins Erbgut einiges von dem, was Riesling heute so besonders macht.

Eine Rechnung von 1435

Bevor die Labore sprachen, sprachen die Archive. Als erste urkundliche Erwähnung gilt eine Kellerrechnung vom 13. März 1435, das Deutsche Weininstitut feiert das Datum deshalb als Geburtstag der Sorte. Sie stammt aus der Burg Rüsselsheim am Main, die damals den Grafen von Katzenelnbogen gehörte: Deren Verwalter hatte laut dem hessischen Landesamt für Denkmalpflege für 22 Schilling Setzreben der Sorte gekauft. Überliefert ist der Posten als „umb seczreben Riesslingen in die wingarten“, so zitiert ihn die Foundation Plant Services der University of California in Davis. Rüsselsheim liegt nicht im klassischen Rheingau, sondern am linken Mainufer unweit von Hochheim. Das Denkmalamt zählt die Rechnung trotzdem zur Rheingauer Weingeschichte, und den Gedenkweinberg, den die Stadt 1980 zur Erinnerung anlegte, ließ sie nach Darstellung eines örtlichen Geschichtsprojekts beim Rheingauer Weinbauverband anmelden. Das Weininstitut nennt für Rheingau und Mosel Dokumente aus den Jahren 1435 und 1465. Die heutige Schreibweise taucht 1552 im Kräuterbuch von Hieronymus Bock auf.

Wie alt die Sorte tatsächlich ist, sagt das allerdings nicht. Eine Rebe, die 1435 bereits als Pflanzgut gehandelt wurde, war zu diesem Zeitpunkt offenkundig schon eine Weile in Gebrauch.

Was die DNA verrät

Die genetische Spurensuche begann Ende der 1990er Jahre in Österreich. Der Rebenzüchter Ferdinand Regner von der Höheren Bundeslehranstalt und dem Bundesamt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg verglich mit seinem Team die Erbgutmuster zahlreicher Sorten. Das Ergebnis, veröffentlicht ab 1998: Riesling und der Weiße Heunisch teilen an allen untersuchten Genorten ein Allel. Heunisch, in Frankreich als Gouais blanc bekannt, ist damit ein Elternteil.

Beim zweiten Elternteil wird es unschärfer, und hier lohnt sich Genauigkeit. Regner vermutete einen Abkömmling aus einer Kreuzung von Traminer mit einer heimischen Wildrebe. Die UC Davis fasst den Stand so zusammen, dass der zweite Elternteil bis heute nicht gefunden wurde, aber als enger Verwandter des Traminers gilt. Das Julius Kühn-Institut (JKI) in Siebeldingen beschreibt ihn 2022 als „wahrscheinlich“ einen Sämling aus Traminer und Wildrebe (Vitis sylvestris). Wahrscheinlich heißt: plausibel, aber nicht bewiesen. Die Mutterpflanze ist schlicht nicht mehr aufzutreiben.

Regner selbst hielt 2006 die Herkunft vom Rhein für kaum strittig, und auch das JKI verortet die Entstehung des Rieslings wahrscheinlich im Rheintal zwischen Karlsruhe und Worms. Denkbar ist das schon deshalb, weil beide Elternlinien in Deutschland lange heimisch waren. Nach Regners Deutung steuerte die Wildrebe Frosthärte und kleine Beeren bei, der Traminer Qualität, der Heunisch Vitalität und womöglich das Säurepotenzial.

Der Bauernwein unter den Ahnen

Dass ausgerechnet der Heunisch zu den Eltern zählt, hat Charme. Die Rebenforscherin Erika Maul vom JKI erinnert daran, dass man im Mittelalter zwischen dem „Vinum francicum“ als Qualitätswein und dem „Vinum hunicum“ unterschied, einem eher dünnen Wein aus Massenträgern. Heunisch gehörte zur zweiten Sorte. Genetisch war er dafür ungeheuer fruchtbar: Maul und Kollegen beschreiben ihn 2015 in der Fachzeitschrift VITIS als Sorte, die das europäische Sortiment erheblich erweitert hat, darunter um Chardonnay und Riesling.

Maul war auch an einer zweiten Klärung beteiligt. Lange hielt man den Roten Riesling für eine Urform. Eine JKI-Studie von 2022 zeigte das Gegenteil: Der Rote Riesling ist aus dem Weißen entstanden, nicht umgekehrt. Das Team um Franco Röckel fand die Farbanlage des Roten Rieslings auf dem Chromosomensatz, den der Riesling vom weißbeerigen Heunisch geerbt hat. Weil von diesem Elternteil keine rote Farbmutante bekannt ist, muss die Mutation im Weißen Riesling entstanden sein. Den Ausschlag gibt eine fehlende Erbgutpassage von rund 69.000 Basenpaaren, durch die ein Farbgen wieder abgelesen werden kann. Sie ist also der Weg zur roten Beere, nicht zurück zur weißen. Warum Rote Rieslinge gelegentlich wieder weiße Trauben bilden, ist laut JKI noch ungeklärt.

Ruß, Rinde, Rüssel: der Name

Woher das Wort Riesling kommt, ist umstritten. Diskutiert werden die rissige Rinde, das „Verrieseln“ der Blüte bei kühlem Wetter, die dunkle Holzfarbe und die rassige Säure. Der Namenforscher Jürgen Udolph hält „Rus(s)ling“ für die Ausgangsform: Reife Riesling-Beeren zeigen dunkle Sprenkel, die an Ruß erinnern. Er stützt sich auf historische Belege wie „ruesseling“ 1464 in Trier und „ruszlinge“ 1490 in Worms. Eine elegante These, aber eben eine These.

Klarer sind die heutigen Synonyme. International verbreitet ist Rheinriesling, in Italien Riesling Renano, in Kroatien Rizling rajnski. Im englischen Sprachraum wurde die Sorte lange als White Riesling oder Johannisberg Riesling geführt, nach Schloss Johannisberg im Rheingau. Für Weine aus Baden ist laut Weininstitut zudem der Name Klingelberger erlaubt. Nicht verwandt sind dagegen Welschriesling und Schwarzriesling, Letzterer ist ein Burgunder.

Warum Riesling den Ort so deutlich zeigt

Riesling gilt als Sorte, die ihre Herkunft besonders klar abbildet. Das ist kein Zauber, sondern eine Reihe nüchterner Eigenschaften. Das Weininstitut nennt ihn eine langsam reifende Sorte, die „die höchsten Ansprüche an die Lage“ stellt, aber nur geringe an den Boden. Eine lange Reifezeit bedeutet, dass Hangneigung, Wind, Wasserhaushalt und Nachttemperaturen viele Wochen lang auf die Trauben einwirken. Die DWI-Broschüre für den englischen Markt betont, dass Riesling viele seiner Aromen erst gegen Ende der Reife ausbildet, also genau in der Phase, in der sich Lagen am stärksten unterscheiden.

Hinzu kommt der Keller. Dieselbe Broschüre beschreibt Riesling als Wein, der „innocent of oak“ sei, also frei von Holzaromen. Wo kein Holzaroma die Bühne übernimmt, bleiben Frucht und Säure im Vordergrund, und Unterschiede zwischen Schiefer, Muschelkalk oder Porphyr sind leichter herauszuschmecken, auch wenn sich über die genaue Ursache mineralischer Eindrücke trefflich streiten lässt.

Am Ende passt das zum Stammbaum. Eine Wildrebe für die Robustheit, ein Traminer für den Anspruch und ein Bauernwein für Kraft und Säure: Aus dieser ungleichen Familie ist eine Sorte geworden, die weniger von sich selbst erzählt als von dem Hang, auf dem sie steht.