Es gibt Winzer, die sich noch an Lesen im Schnee erinnern. Der Feinschmecker erzählte 2022 von der Familie Keller in Rheinhessen, bei der in den 1960er Jahren Riesling mit Schnee auf den Trauben geerntet wurde. Heute beginnt die Lese vielerorts, wenn draußen noch Spätsommer ist. Für kaum eine Sorte ist dieser Wandel so zweischneidig wie für den Riesling, der seinen Ruf gerade dem langsamen Reifen in kühlem Klima verdankt.

Alles kommt früher

Die eindrücklichsten Zahlen stammen aus dem Rheingau, wo in Geisenheim seit 1884 das Wetter gemessen wird. Nach Angaben von Weinbauamt Eltville und Deutschem Wetterdienst, 2015 von der Nachrichtenagentur dpa verbreitet, treibt der Riesling dort heute rund zehn Tage früher aus als vor 60 Jahren. Die Blüte liegt etwa 15 Tage früher als 1955. Die Zuckereinlagerung beginnt nicht mehr Ende August, sondern Anfang bis Mitte August. Und die Riesling-Lese startet Ende September, drei Wochen früher als in den 1950er Jahren.

Ähnliches beobachtet die Rebenforscherin Erika Maul vom Julius Kühn-Institut in Siebeldingen in der Pfalz: 2020 setzte beim Weißen Riesling das Knospenschwellen 20 Tage früher ein als noch 1982. Das klingt nach geschenkter Zeit, hat aber einen Haken. Wer früh austreibt, steht länger im Risiko später Frostnächte.

Mehr Zucker, weniger Säure

Riesling lebt vom Spiel zwischen Frucht und Säure. Genau dieses Verhältnis verschiebt sich. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie führt die Weininhaltsstoffe des Rieslings als offiziellen Klimafolgenindikator, mit Messreihen aus dem Eltviller Sonnenberg seit 1971. Der Befund ist knapp formuliert: Seit den 1990er Jahren zeigen die Trauben „weniger Gesamtsäure bei höherem Mostgewicht“.

Der Mechanismus ist bekannt. Das Klimaportal des Landes Rheinland-Pfalz beschreibt, dass bei großer Hitze Alkohol steigt und Säure fällt, und dass vor allem warme Nächte den Säureabbau beschleunigen. Weil die Reife nun in den noch heißen Spätsommer fällt statt in den kühlen Oktober, trifft beides zusammen.

Die Praxis hat sich darauf eingestellt. Lange galt: je mehr Oechsle, desto besser. Die Winzerin Janine Brüssel aus Rheinhessen brachte es 2021 auf den Punkt: „Inzwischen ist der pH-Wert wichtiger als der Oechsle-Grad.“ Viele Betriebe lesen früher und in mehreren Durchgängen, um Frische zu bewahren und die Alkoholwerte im Zaum zu halten.

Sonnenbrand und Durst

Zwei weitere Probleme sind sichtbarer. Das erste ist Sonnenbrand. Das Fachportal Vitipendium dokumentiert einen Versuch mit Riesling aus dem Jahr 2016, in dem bei 34,8 Grad Lufttemperatur an der Beerenoberfläche bis zu 45 Grad gemessen wurden. Nach Angaben des Julius Kühn-Instituts waren in den heißen Jahren 2018 bis 2020 klassische Sorten wie der Riesling von Sonnenbrand betroffen. Am schlimmsten traf es Anlagen, die kurz vor dem Wetterumschwung entblättert worden waren. Die Gegenmittel sind unspektakulär: früh und nur auf der sonnenabgewandten Seite entblättern, damit sich die Beeren abhärten, oder Kaolin als hellen Schutzfilm spritzen. Die klassische Laubarbeit, die dem Riesling einst mehr Sonne verschaffen sollte, kehrt sich damit teilweise um.

Das zweite Problem ist Wasser. Reben geraten nach Einschätzung des rheinland-pfälzischen Klimaportals relativ schnell in Trockenstress, zusätzliche Bewässerung werde wichtiger. Ein dpa-Bericht aus Geisenheim nannte 2015 als Beispiel für einen solchen trockenen Sommer und zog den Vergleich zu 2003: Wenn Wasser und kühle Nächte fehlen, gehen dem Riesling Säure und Frucht verloren. Wie weit Bewässerung als Ausweg trägt, ist offen. Der württembergische Winzer Aaron Schwegler gab 2023 gegenüber WineSTR zu bedenken, dass der Weinbau bei knappem Wasser nicht selbstverständlich Vorrang vor der Landwirtschaft haben könne, die die Bevölkerung ernährt.

Geisenheim testet die Zukunft

Wie der Riesling in einigen Jahrzehnten schmecken könnte, untersucht die Hochschule Geisenheim im Freiland. Im Projekt FACE2FACE wird seit 2014 die Luft über Riesling- und Cabernet-Sauvignon-Reben mit Kohlendioxid angereichert, laut einem dpa-Bericht um rund 20 Prozent über dem damaligen Niveau. Damit simulieren die Forschenden nach Angaben der Hochschule Bedingungen, wie sie um 2050 erwartet werden. Untersucht wird, ob sich Wuchs, Ertrag und Qualität der Reben verändern und ob Schädlinge zunehmen. Die ersten Ergebnisse, die die Hochschule 2017 vorstellte, fielen differenzierter aus als befürchtet: Photosynthese, Biomasse und Traubenertrag pro Stock stiegen, die Zuckereinlagerung änderte sich kaum, und qualitätsmindernde Unterschiede in den Mosten fanden sich bis dahin nicht. Die Geisenheimer Professorin für Klimafolgenforschung Claudia Kammann formulierte gegenüber dem Feinschmecker dennoch deutlich, Riesling sei für ein kühles Klima gezüchtet worden, das es in Teilen Deutschlands schon heute nicht mehr gebe.

Die Kühlen werden gewinnen

Für manche Regionen ist der Wandel bislang eher Glück als Last. Edgar Müller vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Bad Kreuznach erinnerte 2021 daran, dass der Riesling an der Mosel in 13 von 23 Jahrgängen vor 1987 nicht richtig reif geworden sei. Mit der Erwärmung seit den 1990er Jahren sei das kein Thema mehr, so Müller. Für die Saar, eines der kühlsten Weinbaugebiete Deutschlands, schätzt der Weinautor Wolfgang Staudt in seinem Blog, dass dort früher höchstens zwei- bis dreimal pro Jahrzehnt reife Trauben gelesen werden konnten, heute dagegen fast in jedem Jahr. Genaue Zahlen nennt er nicht, die Richtung bestätigen aber auch andere: Klaus Peter Keller sagte dem Feinschmecker, seit den 1990er Jahren habe es keinen Jahrgang mehr gegeben, der nicht ausreifen konnte, und zwei Winzer aus nördlichen Anbaugebieten erklärten 2023 gegenüber WineSTR, vollreife Trauben seien vor 30 bis 50 Jahren eine Seltenheit gewesen und heute normal.

Gefragt sind deshalb Lagen, die früher als zweite Wahl galten: Höhenlagen, Parzellen am Waldrand und Hänge mit kühlerer Ausrichtung bis hin zum Nordhang. Der Feinschmecker beschrieb 2022, wie warme Flusslagen im Rheingau an Attraktivität verlieren, während kühle Waldränder und Höhenlagen gewinnen. Skeptischer klingt es im wärmeren Süden: Der schon erwähnte Aaron Schwegler aus Württemberg will Riesling nur so lange anbauen, wie die Reben gesund bleiben und das unter den klimatischen Bedingungen sinnvoll ist.

Und der Norden? Die Universität von East Anglia hat berechnet, dass sich die für Weinbau geeigneten Flächen in England und Wales bis 2040 deutlich ausdehnen dürften. Riesling nennt die Studie ausdrücklich unter den Sorten, für die sich neue geeignete Gebiete öffnen könnten. Das ist eine Möglichkeit, noch keine Bewegung.

Kein Abgesang

Der Riesling ist dem Klimawandel nicht schutzlos ausgeliefert. Er reift langsam, wie das Deutsche Weininstitut betont, und fühlt sich an kühlen Standorten wohl. Genau diese Standorte gibt es in den Steillagen von Mosel, Saar, Nahe und Rheingau noch reichlich. Die Stilistik wird sich verschieben, die Lagenkarte ebenso. Vielleicht wird man in 30 Jahren über die „großen Nordhänge“ reden wie heute über die berühmten Südlagen. Den Schnee auf den Trauben wird dagegen niemand vermissen.