Es gibt Geschichten, die so gut sind, dass man sie ungern überprüft. Die vom Spätlesereiter gehört dazu. Ein Bote reitet vom Rheingau nach Fulda, um die Erlaubnis für die Weinlese zu holen, und kommt viel zu spät zurück. Die Trauben am Johannisberg sind inzwischen von Fäulnis befallen, man liest sie trotzdem, und heraus kommt ein Wein, wie ihn noch niemand getrunken hat. So weit die Legende. Das Schöne an diesem Fall: Ein Teil davon lässt sich tatsächlich belegen, und der Rest ist als Sage gut zu erkennen.

Ein Weinberg im Besitz von Fulda

Um zu verstehen, warum ein Rheingauer Weingut auf Post aus Osthessen warten musste, muss man einige Jahrzehnte zurückgehen. 1716 kaufte der Fuldaer Fürstabt Konstantin von Buttlar das ehemalige Kloster auf dem Johannisberg und ließ an seiner Stelle das heutige Schloss errichten. Die Weinberge wurden kräftig erweitert und neu bepflanzt. In den Jahren 1720 und 1721 setzte man nach den Angaben in der Literatur rund 294.000 Reben, und zwar Riesling. Schloss Johannisberg nennt sich deshalb gern den ersten geschlossenen Rieslingweinberg der Welt.

Der Besitz hatte eine Konsequenz, die für die Geschichte entscheidend ist. Der Herr des Johannisbergs saß in Fulda, ein gutes Stück weiter östlich. Und ohne seine Zustimmung durfte nicht gelesen werden. Also ritt, so jedenfalls die Überlieferung, jeden Herbst ein Kurier mit Traubenproben nach Fulda und kam mit der Leseerlaubnis zurück. Die Stadt Fulda weist in ihrer eigenen Darstellung allerdings darauf hin, dass in den Urkunden nirgends von einer solchen Einholung der Leseerlaubnis die Rede ist.

Herbst 1775: Der Bote bleibt aus

Im Herbst 1775 hieß der Landesherr Heinrich VIII. von Bibra, Fürstbischof von Fulda. Der Kurier machte sich wie üblich auf den Weg, doch diesmal dauerte es. Wie lange genau, darüber gehen die Angaben auseinander. Die meisten Darstellungen, darunter die Rheingauer Weinwerbung und ein Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur zum 250. Jahrestag, sprechen von etwa 14 Tagen. Der Wikipedia-Artikel über Schloss Johannisberg nennt acht Tage, der über den Spätlesereiter mehrere Wochen, die Stadt Fulda „14 Tage oder gar vier Wochen“. Das Weinmagazin STIPvisiten wiederum gibt acht Tage als übliche Dauer des Botenritts an, die 1775 deutlich überschritten worden sei. Eine verlässliche Zahl gibt es nicht. Man sieht: Selbst die Verspätung ist verspätet genau überliefert.

Noch bunter wird es bei der Frage, warum der Reiter so lange brauchte. Im Angebot sind ein Fürstbischof auf der Jagd, Räuber am Wegesrand, eine schöne Frau, Krankheit, Unwetter, Faulheit oder schlicht zu viel Wein unterwegs. Belegt ist davon nichts. Auch die Figur des Reiters selbst ist historisch nicht belegt, wie die Wikipedia nüchtern festhält, die ihn als Gestalt einer lokalen Sage führt. Wir kennen weder seinen Namen noch sein Pferd noch seine Ausrede.

Was die Akten tatsächlich sagen

Besser belegt ist, was im Keller passierte. Als endlich gelesen wurde, waren die Johannisberger Trauben von Edelfäule befallen, also vom Pilz Botrytis cinerea, der die Beeren schrumpfen lässt und Zucker und Säure konzentriert. Man las sie trotzdem und kelterte sie.

Zuständig war Johann Michael Engert, der den Wein auf dem Johannisberg verantwortete. Seine Notizen aus dem Frühjahr 1776 sind die eigentliche Quelle der Geschichte. Am 26. Februar 1776 vermerkte er laut KNA, der junge Wein sei noch trüb und habe eine gewisse Süße, er hoffe aber auf „etwas außerordentliches der Güte halber“. Am 10. April 1776 war aus der Hoffnung Begeisterung geworden. Engert schrieb sinngemäß, einen solchen Wein habe er noch nicht in den Mund gebracht. Nach dem KNA-Bericht fiel der Jahrgang so gut aus, dass die Preise älterer Jahrgänge spürbar nachgaben. Die Stadt Geisenheim verweist außerdem darauf, dass Josef Staab, langjähriger Verwalter des Schlossweinguts, und sein Vorgänger Christian Labonte die Geschichte mit Quellenangaben überprüfbar gemacht haben.

Man kann es also so zusammenfassen: Die späte Lese von 1775 und ihr Ergebnis sind durch Engerts Aufzeichnungen dokumentiert. Der Reiter, seine Verspätung und ihre Gründe gehören dagegen zur Legende, und zwar zu einer ausgesprochen unterhaltsamen.

Entdeckt oder wiederentdeckt?

Ganz so exklusiv, wie die Legende es nahelegt, war der Johannisberger Glücksfall allerdings nicht. Spätleseweine sind nach Angaben der Stadt Fulda schon im 17. Jahrhundert bezeugt, etwa im Bordelais oder in Tokaj. Die Fuldaer Darstellung spricht deshalb bewusst von der Wiederentdeckung der Spätlese. Das Verdienst des Johannisbergs liegt eher darin, dass man die Erfahrung ernst nahm und daraus eine Praxis machte: Die späte, selektive Lese wurde zum Werkzeug für Qualität. Daraus entwickelten sich später auch Auslese, Beerenauslese und Trockenbeerenauslese.

Aus dem Zufall wurde mit der Zeit ein Begriff und schließlich eine Rechtskategorie. Mit dem Weingesetz von 1971 wurde die Spätlese in Deutschland eine der Stufen des Qualitätsweins mit Prädikat, gemessen am Mostgewicht der Trauben. Das bedeutet heute nicht mehr automatisch Edelfäule oder Süße. Eine Spätlese kann trocken ausgebaut sein, und viele sind es auch. Die Verbindung zu 1775 ist also eher eine der Idee als des Geschmacks: Wer länger wartet, kann reifere Trauben ernten.

Zwei Denkmäler für einen Unbekannten

Dass ein Mann, dessen Namen niemand kennt, gleich zwei Denkmäler hat, ist eine hübsche Pointe. Im Hof von Schloss Johannisberg steht seit Jahrzehnten ein Standbild des Spätlesereiters. Die Wikipedia und die Stadt Fulda datieren es übereinstimmend auf 1960, Fulda beschreibt es als Tonplastik.

Fulda zog später nach. Im August 2020 beschloss der Magistrat, auch im Schlosshof einen Spätlesereiter aufzustellen. In einem anonymisierten Wettbewerb entschied sich die Jury einstimmig für den Entwurf der Berliner Bildhauerin Valerie Otte, und im September 2021 wurde im Innenhof des Fuldaer Stadtschlosses die nahezu lebensgroße Bronze enthüllt. Der Ort ist gut gewählt, denn unter dem Schloss lagen im 18. Jahrhundert die Keller, in denen die Weine aus den Fuldaer Rheingaubesitzungen lagerten. Der Reiter hält dort sein Pferd am Zügel, auf Augenhöhe mit den Besuchern, als hätte er es diesmal nicht eilig.

Und heute?

Schloss Johannisberg ist bis heute ein reines Rieslinggut mit rund 50 Hektar. Seit 1816 ist der Name Metternich mit dem Haus verbunden. Eigentümerin ist heute die Sektkellerei Henkell & Co., die als Henkell Freixenet auftritt und zur Oetker-Gruppe gehört. Die Spätlese des Guts trägt traditionell einen grünen Lack, die Grünlack Spätlese. Wer sie trinkt, darf ruhig kurz an einen Boten denken, von dem wir nichts wissen außer dem einen: dass er zu spät kam. Selten hat sich Unpünktlichkeit so gelohnt.