Wer von Koblenz moselaufwärts fährt, sieht bei Winningen eine Landschaft, die eher nach Ligurien aussieht als nach Rheinland-Pfalz: Mauer über Mauer, Terrasse über Terrasse, dazwischen Schiefer und Reben. Für diesen unteren Abschnitt des Flusses hat sich der Name Terrassenmosel eingebürgert. Geprägt hat ihn, so jedenfalls der Weinführer wein.plus, Reinhard Löwenstein. Der Diplom-Agraringenieur hat 1980 zusammen mit seiner Frau Cornelia Heymann-Löwenstein das Weingut Heymann-Löwenstein gegründet. Die Familie selbst baut nach eigenen Angaben schon seit 1520 in Winningen Wein an. Neu war 1980 also nicht der Weinbau, sondern die Haltung.
Ein Gespenst namens Terroir
Löwenstein war nie ein Winzer, der still im Keller verschwindet. Wein.plus schreibt, er werde oft als Rebell der Mosel bezeichnet, und seine Texte erklären, warum. 2003 schrieb er in der FAZ einen Essay, der mit einem Satz beginnt, den man nur mit einem gewissen Vergnügen an der Provokation formuliert: „Ein Gespenst geht um in der Weinwelt. Sein Name ist Terroir.“ Die Stoßrichtung war klar. In Deutschland werde Weinqualität seit gut hundert Jahren über Öchsle definiert, also über den Zuckergehalt der Trauben. Löwenstein hielt dagegen, dass Herkunft, Gestein und Arbeit einen Wein mehr prägen als ein Messwert beim Lesen.
Fünfzehn Jahre später legte er im VDP-Buch von 2018 unter dem Titel „Wer hat Angst vor Terroir?“ nach. Romantik ist dabei nicht sein Fach: Weinberge und Weine seien Kinder der Zivilisation und gehörten zur Landwirtschaft, nicht zu einer verklärten Natur. Terroirweine sieht er als kulturelle Alternative zur industriellen Reproduzierbarkeit. Man muss diese Sätze nicht alle unterschreiben, um zu bemerken, dass sich die deutsche Lagenklassifikation seither in eine ähnliche Richtung bewegt hat.
Ein Berg, drei Charaktere
Am deutlichsten wird Löwensteins Denken am Winninger Uhlen. Das Weingesetz von 1971 hatte hier, wie vielerorts, unterschiedliche Hangteile unter einem Lagennamen zusammengefasst. Das Weingut schreibt dazu, im Uhlen seien „drei so extrem unterschiedliche Charaktere mit einem Namen zusammengefasst“ worden, dass man sie durch Subappellationen unterscheiden müsse. Nach jahrelanger Arbeit wurden die drei Teile 2018 als eigene geschützte Ursprungsbezeichnungen anerkannt, für Uhlen Blaufüßer Lay dokumentiert in der Durchführungsverordnung (EU) 2018/1964 vom 6. Dezember 2018. Die Weinwirtschaft meldete die neuen gU im Oktober 2018; beteiligt waren sechs Winninger Betriebe, neben Heymann-Löwenstein Freiherr von Heddesdorff, Fries, Knebel, Rüdiger Kröber und Richard Richter. Die Weinwirtschaft nennt Löwenstein einen Mitinitiator, Mosel Fine Wines die treibende Kraft hinter dem Verfahren. Er sah laut Weinwirtschaft „die erste wirklich konsequente »Appellation contrôlée« auf deutschem Boden verwirklicht“. Erfunden hat er die Namen allerdings nicht: „Unter der Blaufüßer Lay“ etwa ist nach Angaben des Weinguts eine alte Katasterbezeichnung.
Die Abgrenzung folgt der Geologie, festgelegt vom geologischen Landesamt. Das Weingut beziffert die Flächen so: Blaufüßer Lay 1,58 Hektar, Laubach 6,94 Hektar, Roth Lay 8,27 Hektar. Die Regeln sind streng. Erlaubt ist nur Riesling, mindestens 7.000 Stöcke pro Hektar, höchstens 70 Hektoliter pro Hektar Katasterfläche, was wegen der Hangneigung nach Angaben des Weinguts in der Praxis etwa 50 Hektolitern pro Hektar entspricht, dazu keine neueren önologischen Verfahren. Prädikate wie Kabinett oder Spätlese sind nicht vorgesehen, die Weine sind trocken bis halbtrocken oder edelsüß.
Was steckt geologisch dahinter? Die Blaufüßer Lay liegt auf blaugrauem, tonreichem Devonschiefer. Im Laubach ist der Schiefer sandig und durch einen Kalkanteil von bis zu zehn Prozent grau gefärbt, was für die Mosel ungewöhnlich ist. In der Roth Lay wechselt das Gestein hangaufwärts von Grau in verschiedene Rottöne, Eisen und Mangan zeichnen Muster auf die Felsen. Der Name Uhlen geht laut Weingut auf das mittelhochdeutsche Wort für Eule zurück, „Lay“ ist das alte Wort für Schiefer. Beim „Blaufüßer“ bietet das Gut zwei Deutungen an: den Dialektausdruck „Bloos-Lay“ für die blaugraue Farbe des Gesteins oder Fischadler, die hier bis ins späte 19. Jahrhundert heimisch gewesen sein sollen. Welche stimmt, lässt es offen, und wir tun das auch.
Heymann-Löwenstein bewirtschaftet in allen drei Teilen Parzellen, laut eigenen Angaben 0,7 Hektar in der Blaufüßer Lay, 2,5 Hektar im Laubach und 1,6 Hektar in der Roth Lay. Die Hänge haben Neigungen von 100 bis 170 Prozent, die Reben sind im Schnitt mehr als 50 Jahre alt, in Blaufüßer Lay und Roth Lay sogar über 60, viele davon wurzelecht. Vergoren wird mit wilden Hefen in großen Holzfässern, die Weine liegen mindestens 18 Monate auf der Hefe.
Rechnen mit Mauern
Das Gut arbeitet insgesamt auf gut 13 Hektar (VDP-Angabe), fast ausschließlich Riesling, in Winningen und Hatzenport. Neben den drei Uhlen-Teilen sind auch Röttgen, Kirchberg und Stolzenberg als VDP.Große Lage klassifiziert. Wie teuer solche Hänge sind, rechnet das Weingut selbst vor. Es pflegt nach eigener Angabe 13 Kilometer Weinbergsmauern. Statt 250 bis 600 Stunden in mechanisierten Lagen brauche man in Handarbeit „an die 2000 Stunden“, um einen Hektar nachhaltig zu bewirtschaften. Einen Hektar Terrassenweinberg neu anzulegen, würde vorsichtig gerechnet rund 1,5 Millionen Euro kosten. Von gut 100.000 Hektar deutscher Rebfläche seien nur noch etwa 750 Hektar terrassiert.
Dazu kommt ein historischer Vergleich, den man gern einmal beim Weinhändler zitiert: Ende des 19. Jahrhunderts habe eine Flasche aus dem Uhlen so viel gekostet wie Château Margaux. Heute liege das Verhältnis, so das Gut, bei eins zu zwanzig.
Auf den Mauern lebt übrigens mehr als Riesling. Der Mosel-Apollofalter, eine der am stärksten gefährdeten Schmetterlingsarten Deutschlands, trägt Winningen sogar im Unterartnamen „vinningensis“. Seine Raupen fressen Weißen Mauerpfeffer, der auf Trockenmauern wächst. Seit den 1970er-Jahren war die Population im Uhlen laut Weingut stark gewachsen, zuletzt aber beobachtet es Jahr für Jahr weniger Falter. Es hat begonnen, Flockenblumen zu pflanzen, und plant mit der Hochschule Geisenheim eine größere Rettungsaktion.
Die nächste Generation, anders als gedacht
Lange sah es nach einer klassischen Familiennachfolge aus. Tochter Sarah Löwenstein, 14. Generation, habe dem Betrieb in den letzten zehn Jahren „entscheidende Impulse“ gegeben, schreibt das Gut, laut wein.plus war sie zuletzt für den Betrieb verantwortlich. Im November 2025 kam dann die Nachricht, dass die Familie abtritt. Neuer Inhaber ist laut Vinum seit 2026 Jochen Heigoldt, Gründer des Weinhändlers Vioneers bei Stuttgart, gemeinsam mit zwei weiteren Gesellschaftern. Laut Weinwirtschaft handelt es sich um zwei Unternehmerfamilien, die im Hintergrund bleiben wollen. Geschäftsführer ist seit 1. Januar 2026 Thomas Dörr, der zuvor zwölf Jahre beim Pfälzer Weingut Dr. Bürklin-Wolf war, zuletzt als Vertriebsleiter. Reinhard Löwenstein bleibt beratend an Bord, das Team bleibt komplett. Welche Rolle Sarah Löwenstein nach dem Verkauf spielt, geht aus den Meldungen nicht hervor. Das Profil beim VDP führt sie zwar weiter als Kellermeisterin, nennt aber auch noch die Familie als Inhaber und ist damit offenbar nicht auf dem neuesten Stand.
„Wir übergeben unser Lebenswerk mit Stolz und Vertrauen“, sagte Löwenstein laut Meiningers Sommelier. Und fast trotzig: „Und der Spirit von Heymann-Löwenstein lebt weiter!“ Ob das stimmt, werden die nächsten Jahrgänge zeigen. Die Mauern jedenfalls stehen noch, und der Schiefer hat, wie Löwenstein es sagen würde, ohnehin das letzte Wort.