Die Nahe hat ein Imageproblem, das eigentlich ein Kompliment ist: Sie lässt sich schwer auf einen Nenner bringen. Die Mosel hat ihren Schiefer, Rheinhessen seinen Kalk und Löss, der Rheingau seinen breiten Südhang. Die Nahe hat von allem ein bisschen und manchmal alles in einem einzigen Weinberg. Wer hier Riesling probiert, bekommt deshalb keine Regionalstilistik serviert, sondern eine kleine Gesteinskunde.
Ein Gebiet in Zahlen
Das Deutsche Weininstitut nennt für 2025 eine Rebfläche von 4.166 Hektar. Riesling ist mit 1.225 Hektar die wichtigste Sorte, dicht gefolgt von den Burgundersorten mit zusammen 1.107 Hektar. Die Nahe ist also eines der kleineren deutschen Anbaugebiete, und Riesling steht hier auf knapp 30 Prozent der Fläche: die wichtigste Sorte, aber längst nicht die einzige. Nach Wikipedia gliedert sich das Gebiet in gut 300 Einzellagen. Nach Norden schirmt der Hunsrück das Tal ab, was das Weininstitut als Vorteil für den Weinbau hervorhebt.
Unter fremdem Namen
Dass die Nahe heute als eigenes Anbaugebiet auf dem Etikett steht, ist jünger, als man denkt. Als eigenständiges Anbaugebiet wird sie, so Wikipedia, erst seit 1971 geführt. Ein Aufsatz zur Geschichte der Staatsdomäne Niederhausen auf regionalgeschichte.net beschreibt, wie es um 1900 aussah: Den Naheweinen habe die Eigenständigkeit gefehlt, sie seien oft unter Fremdbezeichnungen wie "Rüdesheimer" oder "Rheinwein" verkauft worden. Die Nachbarschaft zum Rheingau war offenbar verkaufsfördernd, dem eigenen Ruf aber wenig dienlich.
Weinbau gibt es hier dagegen schon lange. Wikipedia datiert ihn bis in die Römerzeit zurück, das Weininstitut spricht von 2.000 Jahren Weinbautradition. Die Klosterruine Disibodenberg, an deren Hängen nach Angaben des Atlas der Weinkultur 2008 fünf sehr alte Rebstöcke der seltenen Sorte Weißer Orleans entdeckt wurden, gehört zu den Orten, an denen diese Geschichte bis heute sichtbar ist.
Preußens Weinberg im Fels
Ein Schlüsselkapitel der jüngeren Geschichte spielt in Niederhausen. Mit einem Erlass vom 1. März 1901 genehmigte die preußische Verwaltung den Ankauf von Flächen für einen staatlichen Musterweinberg, aus dem die Weinbaudomäne hervorging. Ab 1902 wurde steiles, felsiges Gelände gerodet und terrassiert, unter anderem von Strafgefangenen, deren Baracken bis 1918 genutzt wurden. In der Lage Kupfergrube, einem ehemaligen Bergbaugelände, bewegten die Arbeiter nach Angaben des Aufsatzes rund 420.000 Kubikmeter Erde. Der erste Jahrgang wurde im November 1907 gelesen. 1998 wurde die Domäne privatisiert. Aus ihr ist das heutige Gut Hermannsberg hervorgegangen, das laut Wikipedia seit 2010 unter diesem Namen firmiert.
Schon 1899 hatte der Regierungspräsident in Coblenz eine Klassifikation der Weinbergslagen im Regierungsbezirk angeordnet, zu dem die Nahe damals gehörte. Das Blatt für die Nahe erschien nach Angaben des Aufsatzes 1901, und die darin verzeichneten Spitzenlagen lagen in unmittelbarer Nachbarschaft der späteren Domäne.
Ein geologisches Mosaik
Warum ist die Nahe so vielgestaltig? Weil hier vor sehr langer Zeit sehr viel passiert ist: Vulkanismus, Meeresablagerungen, Wüstenzeiten. Wikipedia nennt die Nahe das Gebiet mit der größten Bodenvielfalt und den engsten Wechseln in Deutschland; mehr als 180 Bodenvarianten seien vermutet und in einem eigenen Projekt untersucht worden. Das Weininstitut formuliert zurückhaltender und nennt Schiefer, vulkanischen Porphyr sowie Löss- und Lehmböden. Der Atlas der Weinkultur nennt Quarzit-, Porphyr- und Schieferböden, am Disibodenberg außerdem Sandstein, Silt und Tonschiefer.
Grob lässt sich sagen: An der oberen Nahe um Monzingen dominiert Schiefer, teils blaugrau, teils rot. Im mittleren Abschnitt um Niederhausen kommen vulkanische Gesteine wie Porphyr hinzu, oft kleinräumig mit Schiefer und anderen Gesteinen vermischt. Das auffälligste Denkmal dieser Geschichte ist der Rotenfels bei Bad Münster am Stein, ein 202 Meter hohes Porphyr-Massiv und laut Atlas der Weinkultur die höchste Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien.
Hermannshöhle, Halenberg, Frühlingsplätzchen
Drei Lagen zeigen, wie verschieden Nahe-Riesling ausfallen kann. Die Niederhäuser Hermannshöhle ist ein steiler Südhang, dessen Boden das Weingut Dönnhoff als Mischung aus schwarzgrauem Schiefer, vulkanischem Eruptivgestein, Porphyr und Kalksteinelementen beschreibt. Nach Angaben des Weinguts gilt sie seit über 100 Jahren als die am höchsten bewertete Lage der Nahe. Den Namen verdankt sie einem kleinen Stollen, einer Höhle eben. Helmut Dönnhoff übernahm das Familiengut 1971 von seinem Vater Hermann, seit 2007 verantwortet Sohn Cornelius den Keller. Dass die Übergabe ins Jahr der Gebietsgründung fällt, ist Zufall, aber ein hübscher.
Weiter flussaufwärts in Monzingen liegen Halenberg und Frühlingsplätzchen, die beiden bekanntesten Lagen des Weinguts Emrich-Schönleber, das seit 2018 von Frank Schönleber geleitet wird. Für den Halenberg nennt der VDP blauen Schiefer und Quarzit als typischen Boden. Der Importeur VomBoden differenziert: Im Halenberg überwiegt blaugrauer Schiefer, der Weine von Dichte und Strenge hervorbringe, während das Frühlingsplätzchen Adern von rotem Schiefer habe und in der Jugend zugänglicher, blumiger wirke. Zwei Hänge, ein Dorf, ein Weingut und trotzdem zwei deutlich unterscheidbare Charaktere. Das ist die Nahe im Kleinformat.
Was man im Glas findet
Weil der Untergrund so wechselt, ist eine Nahe-Stilistik schwer zu fassen. Gemeinsam ist vielen Rieslingen eine gewisse Mittellage zwischen der schlanken Säure der Mosel und der Fülle der Pfalz. Rieslinge von Schiefer wirken oft kühl und straff, solche von vulkanischem Gestein würzig und dicht, Weine aus Lösslagen runder und zugänglicher. Dazu kommt die ganze Bandbreite von trocken bis edelsüß; aus der Hermannshöhle etwa füllt Dönnhoff unter anderem eine Spätlese ab.
Der beste Weg, die Nahe kennenzulernen, ist deshalb der Vergleich. Zwei Rieslinge desselben Winzers aus benachbarten Lagen nebeneinander, und die Gesteinskunde wird zur Geschmackskunde. So gesehen ist die fehlende Einheitlichkeit kein Mangel, sondern das eigentliche Argument für dieses kleine Gebiet.