Es gibt Weinbeschreibungen, die Außenstehende ratlos zurücklassen. „Feuerstein“ geht noch, „nasser Hund“ wird schon schwierig. Aber wer zum ersten Mal hört, ein alter Riesling rieche wunderbar nach Petroleum, fragt sich zu Recht, ob hier jemand an der falschen Zapfsäule stand. Dabei ist die Petrolnote keine Einbildung von Weinfreunden mit zu viel Fantasie. Sie hat einen chemischen Namen, eine Herkunft und inzwischen sogar einen eigenen Rezeptor in der menschlichen Nase.

Ein Molekül mit langem Namen

Verantwortlich ist 1,1,6-Trimethyl-1,2-dihydronaphthalin, kurz TDN. Die Verbindung gehört zu den sogenannten C13-Norisoprenoiden, also zu den Abbauprodukten von Carotinoiden. Das sind jene gelben und orangefarbenen Pigmente, die auch in Möhren und Herbstlaub stecken. In der Traube liegen die Vorstufen von TDN überwiegend gebunden und geruchlos vor, meist an Zucker gekoppelt. Erst im sauren Milieu des Weins werden sie langsam freigesetzt. Deshalb riecht ein frisch abgefüllter Riesling in der Regel kaum nach Petrol, derselbe Wein zehn Jahre später aber womöglich deutlich.

Riesling hat dabei einen klaren Hang zu diesem Aroma. Eine Studie von Gavin Sacks und Kollegen, 2012 im Journal of Agricultural and Food Chemistry veröffentlicht, fand in ein- bis dreijährigen Rieslingen im Schnitt rund 6,4 Mikrogramm TDN pro Liter, in Weinen anderer Rebsorten nur etwa 1,3. Völlig exklusiv ist die Note aber nicht, sie taucht in Spuren auch anderswo auf.

Sonne, Stress und die Flasche

Was in der Traube zu mehr TDN-Vorstufen führt, ist gut untersucht. Der wichtigste Faktor ist Licht. Das Australian Wine Research Institute (AWRI) fasste 2012 den Forschungsstand zusammen: Nach einer Studie von Gerdes und Kollegen aus dem Jahr 2002 erhöht bereits mehr als 20 Prozent der vollen Sonneneinstrahlung auf die Trauben ab dem Reifebeginn die TDN-Werte. Besonders heikel ist offenbar eine frühe Phase. In einem Versuch der Cornell University, 2010 von Kwasniewski und Kollegen veröffentlicht, stieg das TDN-Potenzial deutlich, wenn die Traubenzone rund 33 Tage nach dem Beerenansatz entblättert wurde; laut AWRI enthielten die Weine daraus mehr als doppelt so viel TDN. Eine frühere oder spätere Entblätterung zeigte keinen solchen Effekt. Auch Hitze und Wasserstress gelten als Treiber, ebenso eine hohe Reife.

Im Keller geht es weiter. Ein vom Forschungskreis der Ernährungsindustrie (FEI) gefördertes Projekt des DLR Rheinpfalz und der TU Braunschweig zeigte, wie stark die Lagertemperatur wirkt: Bei 7 Grad entstanden in acht Monaten 1,2 Mikrogramm TDN pro Liter, bei 25 Grad waren es 19,3. Wer seinen Riesling also im Sommer auf dem Dachboden reifen lässt, bestellt die Petrolnote gleich mit.

Kurios ist die Rolle des Verschlusses. In einem AWRI-Versuch mit fünf Verschlussarten nahmen Naturkorken und Kunststoffstopfen innerhalb von zwei Jahren mehr als die Hälfte des TDN aus dem Wein auf, unter Schraubverschluss blieb es erhalten. Ein Teil des Petroltons, den man australischen Rieslingen gern nachsagt, dürfte also auch mit der dortigen Vorliebe für den Drehverschluss zusammenhängen.

Ab wann riecht man es?

Hier lohnt sich ein genauer Blick, denn die Zahlen haben sich über die Jahre stark verschoben. Lange galt ein Schwellenwert von 20 Mikrogramm pro Liter, der auf eine Arbeit von R. F. Simpson aus dem Jahr 1978 zurückgeht; wie das Testpanel damals zusammengesetzt war, ist laut der Geisenheimer Studie nicht dokumentiert. Sacks und Kollegen ermittelten 2012 in Modellwein und in einem neutralen Weißwein eine Wahrnehmungsschwelle von etwa 2 Mikrogramm, also ein Zehntel davon.

Die Hochschule Geisenheim hat 2020 genauer unterschieden. Andrii Tarasov, Rainer Jung und Kollegen ermittelten in jungem Riesling eine Wahrnehmungsschwelle von rund 4 Mikrogramm pro Liter, eine Erkennungsschwelle von 10 bis 12 und eine Ablehnungsschwelle von 71 bis 82 Mikrogramm. Man bemerkt also früh, dass etwas anders ist, erkennt es später als Petrol und stört sich erst bei deutlich höheren Mengen daran. Das FEI-Projekt kam auf ähnliche Größenordnungen: Konsumenten nahmen TDN erst ab etwa 14,7 Mikrogramm wahr, ein geschultes Panel schon bei rund einem Sechstel dieser Menge. Interessant ist die Ablehnung: Bei einjährigen Rieslingen lag sie bei 60 Mikrogramm, bei achtjährigen erst bei 91. Im älteren Wein wird mehr Petrol toleriert, weil es dort offenbar besser ins Gesamtbild passt.

Zum Vergleich: Europäische Rieslinge enthalten laut der Geisenheimer Studie typischerweise 1 bis 50 Mikrogramm TDN pro Liter, australische bis zu 250 und mehr.

Fehler oder Charakter?

In Deutschland hat die Petrolnote keinen guten Ruf. Das zeigt schon die Sprache der Forschung: Das FEI spricht ausdrücklich von der „unerwünschten Petrol-Fehlnote“ und titelte zum Projektabschluss, deutsche Winzer könnten „aufatmen“. Der Hintergrund ist nachvollziehbar. Deutscher Riesling lebt vom Bild der kühlen, präzisen Frucht. Ein Wein, der schon jung nach Tankstelle riecht, gilt hierzulande eher als Zeichen zu viel Sonne oder zu offener Laubwand. Mit dem Klimawandel wächst das Problem, das FEI erwartete bereits 2015 steigende TDN-Gehalte. Die Gegenmittel reichen vom richtigen Zeitpunkt der Entblätterung über die Klon- und Unterlagenwahl bis zur kühlen Lagerung.

Anderswo sieht man es entspannter. In Australien ist TDN schlicht Alltag: In einer AWRI-Erhebung an 116 Rieslingen verschiedener Jahrgänge lag der Median im Clare Valley bei 74 und im Eden Valley bei 88 Mikrogramm pro Liter. Selbst die jungen Eden-Valley-Weine des Jahrgangs 2010 kamen im Schnitt auf 23 Mikrogramm, also über die Erkennungsschwelle. Einen Zusammenhang zwischen wahrgenommenem TDN und der Qualitätsbewertung fand das Verkostungspanel dabei nicht. Und auch unter Liebhabern gereifter Mosel- oder Rheingau-Rieslinge ist ein Hauch Petrol, eingebettet in Honig und Bienenwachs, ein vertrautes Reifesignal. Wine Spectator verglich die Note treffend mit Koriander: Man liebt sie oder man hasst sie.

Die Leibniz-Forschung liefert dazu eine vorsichtige Erklärung, die sich mit der Einschätzung der Geisenheimer Studie deckt. Niedrige bis mittlere TDN-Gehalte tragen demnach zur Komplexität des Buketts bei, höhere werden von hiesigen Konsumenten oft abgelehnt. 2024 identifizierte das Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der TU München mit OR8H1 den ersten menschlichen Geruchsrezeptor, der auf TDN in relevanten Mengen anspricht. Von 766 getesteten Rezeptorvarianten reagierte nur dieser eine.

Noch nicht ganz entschlüsselt

Bei aller Forschung bleibt ein Rest Rätsel. Auf dem Internationalen Riesling Symposium 2022 im Kloster Eberbach bekannte Hans R. Schultz, damals Präsident der Hochschule Geisenheim: „Die Petrolnote ist immer noch nicht entschlüsselt.“ Rätselhaft sei auch, warum sie erst in der Flasche entsteht, obwohl die Voraussetzungen im Weinberg geschaffen werden. Auch das AWRI hielt fest, dass sich schwer vorhersagen lässt, wie stark sich TDN in einem bestimmten Wein entwickelt. Warum ein Wein aus einer bestimmten Lage stark petrolt und der Nachbar kaum, bleibt damit offen.

Für Weintrinker ist das vielleicht die beste Nachricht. Ob man die Note als Fehler oder als Charakter empfindet, bleibt eine Frage von Dosis, Alter und Geschmack. Wer sie mag, lagert warm und kauft Schraubverschluss. Wer sie nicht mag, trinkt jung, lagert kühl und vertraut auf den Korken.