Es gibt Weinkäufe, die erledigt man mit zwei Klicks. Und es gibt die Versteigerung des Großen Rings in Trier. Dort sitzen einmal im Jahr Händler, Importeure und Sammler aus aller Welt vor einem Auktionator, probieren Rieslinge, die es im Handel nicht gibt, und bieten auf Flaschen, deren Preis am Morgen noch niemand kennt. Das hat etwas von Börse, etwas von Theater und sehr viel mit Tradition zu tun.

Eine Idee aus dem 19. Jahrhundert

Die Wurzeln reichen weit zurück. Laut dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) fanden in Trier schon ab Mitte der 1860er Jahre regelmäßig Weinversteigerungen statt. Die Winzer von Mosel, Saar und Ruwer wollten gemeinsam auftreten, statt einzeln mit dem Handel zu verhandeln. 1871 stellte die Trierer Handelskammer fest, die Versteigerungen hätten sich bewährt. Der Große Ring selbst erinnert gern daran, dass einzelne Moselfässer damals Preise deutlich über vielen Bordeaux erzielten.

Beim Gründungsjahr des Großen Rings selbst gibt es zwei Lesarten. Der Verein nennt 1908, ebenso Weinland Mosel und das Hawesko-Magazin. Die Geschichtsseite und die Verbandsbroschüre des VDP datieren dagegen auf 1910, dass sich die drei Trierer Versteigerungsgemeinschaften zum „Trierer Verein von Weingutsbesitzern von Mosel, Saar und Ruwer“ zusammenschlossen. Die Quellen lösen diesen Widerspruch nicht auf. Sicher ist: Am 26. November 1910 folgte in Koblenz der Verband Deutscher Naturweinversteigerer, die Keimzelle des heutigen VDP. Treibende Kraft hinter beiden Zusammenschlüssen war laut VDP der Trierer Oberbürgermeister Albert von Bruchhausen, der auch erster Präsident des neuen Verbands wurde. Trier ist damit so etwas wie der Geburtsort des Verbands.

Wer bieten will, braucht einen Kommissionär

Das Besondere am Ablauf ist eine Figur, die man aus Kunstauktionen so nicht kennt: der Kommissionär. Er kauft, wie es der VDP beschreibt, im eigenen Namen, aber auf fremde Rechnung. Wer mitsteigern möchte, beauftragt also einen der zugelassenen Weinmakler, nennt ihm seine Wünsche und sein Limit, und der Kommissionär hebt im Saal die Hand. Der VDP erwähnt auch die „Schlachtenbummler“ früherer Zeiten: Gäste, die gegen ein kleines Eintrittsgeld mitprobieren durften, aber nicht bieten konnten.

Auch das Geld folgt festen Regeln. Nach Angaben des Hawesko-Magazins erhalten die Kommissionäre je fünf Prozent von Käufer und Verkäufer. Auf den Zuschlag kommen für den Käufer also ein Aufgeld und die Mehrwertsteuer. Deshalb liest man zu Rekorden oft zwei Zahlen, einen Netto- und einen Bruttopreis.

Die Trierer Versteigerung ist eine „nasse“: Die Weine können vorher probiert werden, am Morgen der Auktion gibt es eine Vorprobe. Seit 2022 führt Edwin Vos von Christie's in London durch den Nachmittag, und über einen Livestream bieten auch Kunden aus dem Ausland mit. Der VDP lobte 2023, Vos habe die vierstündige Auktion mit Souveränität und Unterhaltungswert geleitet, und verweist auf eine gemeinsam mit der Universität Trier entwickelte Auktionssoftware.

Auch der Termin ist in Bewegung. Lange lag die Versteigerung Mitte oder Ende September, zuletzt fand sie im November 2025 statt. Im Zuge einer Neuausrichtung, die sich stärker an internationale Privatsammler richtet, hat der Große Ring die nächste Auktion mit Weinen des Jahrgangs 2025 für den 9. Mai 2027 angekündigt.

Rekorde mit Scharzhofberger

Die berühmteste Zahl der Trierer Versteigerungen gehört dem Weingut Egon Müller aus Wiltingen an der Saar. Im September 2015 kamen 22 Flaschen der 2003er Scharzhofberger Trockenbeerenauslese für je 12.000 Euro netto unter den Hammer. Mit Aufgeld und Steuer waren es laut Weinkaiser 14.994 Euro pro Flasche, dazu gingen 36 halbe Flaschen für je 5.500 Euro netto weg. Der VDP spricht vom höchsten Preis, der weltweit je für einen jungen Wein gezahlt wurde. Das Jahr ist durch zeitnahe Berichte von Weinkaiser, Nikos Weinwelten und Weinland Mosel belegt; die Geschichtsseite des VDP nennt an dieser Stelle abweichend 2005.

Auch bei den einfacheren Prädikaten setzt der Scharzhof Maßstäbe. 2017 wurde der 2016er Scharzhofberger Kabinett Alte Reben mit 30 Euro ausgerufen und erzielte laut Weinland Mosel 180 Euro je Flasche, für 1.200 Flaschen. Das galt als teuerster je versteigerter Riesling Kabinett. Ein Jahr später überbot der Nachfolgejahrgang die Marke: 200 Euro netto je Flasche, laut VDP ein Weltrekord für einen Kabinett. 2023 erreichte eine Magnum der 2015er Scharzhofberger Beerenauslese 16.000 Euro, eine Drei-Liter-Flasche des 2022er Kabinetts 10.100 Euro, so der Nachbericht des VDP.

Andere Häuser mischen ebenfalls oben mit. Bei der Versteigerung am 20. September 2019 erzielte Joh. Jos. Prüm für seine 2013er Graacher Himmelreich Trockenbeerenauslese in der 1,5-Liter-Flasche laut Weinwirtschaft 8.996,40 Euro. Am selben Tag setzte Egon Müller mit einer Sechs-Liter-Flasche seines 2018er Scharzhofberger Kabinett Alte Reben für 5.247,90 Euro erneut eine Marke für Kabinettweine. Insgesamt setzte der Große Ring in jenem Jahr rund 1,745 Millionen Euro mit etwa 13.000 Flaschen um. 2022 waren es laut VDP 2,74 Millionen Euro netto, 2023 rund 2,13 Millionen.

Warum der Kult?

Der Reiz liegt zunächst in der Knappheit. Weine mit dem Versteigerungs-Aufkleber werden von den VDP-Gütern ausschließlich auf diesen Auktionen angeboten. Im Handel tauchen sie nur auf, wenn ein Käufer weiterverkauft. Oft handelt es sich um besondere Fässer oder Abfüllungen in Großflaschen, von denen es nur eine Handvoll gibt.

Dazu kommt der Nimbus des Ortes. Die 31 Mitgliedsgüter des Großen Rings gehören zur Spitze an Mosel, Saar und Ruwer. Für die Winzer selbst ist die Teilnahme eine Ehre. Der Ayler Winzer Florian Lauer nannte die Versteigerung 2025 im Fernsehen den Ritterschlag für jeden Winzer. Und schließlich ist da die Dramaturgie: Ein Preis, der vor Publikum entsteht, erzählt eine bessere Geschichte als jede Preisliste.

Wer jetzt an seine Sparbüchse denkt, darf entspannen. Längst nicht jedes Los kostet vierstellig. Das Hawesko-Magazin weist darauf hin, dass viele Weine im Bereich von 20 bis 30 Euro zugeschlagen werden. Ein guter Rat, den ein Weinfreund in derselben Fernsehreportage gab, gilt trotzdem: vorher ein Budget festlegen. Auktionsfieber gibt es auch beim Riesling.