Wer an Österreich und Weißwein denkt, denkt zuerst an Grünen Veltliner. Das ist statistisch völlig korrekt. Riesling steht nach Zahlen der Österreich Wein Marketing auf 2.025 Hektar und damit auf 4,6 Prozent der Rebfläche des Landes. Eine Nebensorte also. Wer aber die Donau von Melk flussabwärts fährt, bekommt einen anderen Eindruck. Hier, in Wachau, Kremstal und Kamptal, ist Riesling eine Hauptsache, und zwar eine mit sehr eigenem Profil.
Drei Gebiete, ein Fluss
Die drei Gebiete liegen in Niederösterreich dicht beieinander. Die Dokumentation „Österreich Wein“ der ÖWM (Stand Juni 2026, Flächen 2023/24) nennt für die Wachau 1.285 Hektar Rebfläche, davon rund 237 Hektar Riesling, das sind 18,4 Prozent. Das Kremstal kommt auf 2.242 Hektar mit 248 Hektar Riesling, das Kamptal auf 3.567 Hektar mit 364 Hektar Riesling. Zusammen stehen hier also gut 40 Prozent des österreichischen Rieslings. In keinem der drei Gebiete ist er die meistgepflanzte Sorte, doch in der Wachau ist fast jeder fünfte Rebstock ein Riesling.
Kamptal und Kremstal waren übrigens bis 1993 ein gemeinsames Gebiet namens Kamptal-Donauland, wie das Lexikon von wein.plus festhält. Heute führt jedes Gebiet sein eigenes Regelwerk, und das ist, wie wir gleich sehen werden, ein österreichisches Lieblingsthema.
Urgestein und Löss
Geologisch haben die drei Gebiete eine gemeinsame Grundlage im kristallinen Urgestein. Österreich Wein nennt für die Wachau Gneise und Amphibolite, darunter den Gföhler Gneis und den Granodioritgneis von Spitz. An den flacheren und östlich exponierten Hängen liegt Löss darüber, feiner, vom Wind angewehter Staub aus der Eiszeit. Auch im Kremstal unterscheidet Österreich Wein zwischen Urgesteinsverwitterungsböden im Westen und mächtigen Lössterrassen im Osten.
Als grobe Faustregel gilt: Riesling auf den steinigen, kargen Urgesteinshängen, Grüner Veltliner auf dem tiefgründigeren Löss. Ganz so ordentlich ist die Natur zwar nicht, aber die Regel erklärt, warum Riesling hier so oft auf steilen, terrassierten Parzellen steht.
Klimatisch treffen, so Österreich Wein, zwei Systeme aufeinander: das westlich-atlantische und das östlich-pannonische. Hinzu kommen kühle Fallwinde aus dem Norden, die für deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sorgen. Das hilft den Trauben, Aroma und Säure zu behalten, obwohl die Sommer warm sind.
Die Wachau und ihre Terrassen
Das bekannteste Bild der Region sind die Steinterrassen der Wachau. Laut UNESCO begannen bayerische und Salzburger Klöster um das Jahr 800, die Hänge zu bewirtschaften, und schufen damit das bis heute sichtbare Muster aus Rebterrassen. Seit 2000 ist die Kulturlandschaft Wachau zwischen Melk und Krems Welterbe. Die Trockenmauern sind nicht nur Kulisse, sondern Lebensraum: Nach der Smaragdeidechse, die sich gern auf den warmen Steinen sonnt, ist die oberste Wachauer Weinkategorie benannt.
Steinfeder, Federspiel, Smaragd
Denn die Wachauer haben sich früh eigene Regeln gegeben. 1983 gründeten Winzer die Vinea Wachau Nobilis Districtus und gaben sich mit dem Codex Wachau eigene Regeln. Ab 1984 schufen sie die Marken Steinfeder, Federspiel und Smaragd. Wer sie verwendet, bekennt sich zu trockenem Weißwein, ausgebaut ohne Anreicherung und ohne spürbaren Holzeinfluss. Die drei Kategorien sind eingetragene Marken des Vereins und nach Alkoholgehalt gestaffelt. Steinfeder hat höchstens 11,5 Prozent und ist nach einem zarten Gras auf den Terrassen benannt. Federspiel reicht bis 12,5 Prozent, der Name stammt aus der Falknerei. Smaragd beginnt oberhalb davon und steht für Weine aus vollreifen Trauben. Für einen Riesling bedeutet das: Man kann am Etikett ungefähr ablesen, ob man einen leichten Sommerwein oder einen dichten, lagerfähigen Wein vor sich hat.
DAC: Herkunft von unten nach oben
Parallel dazu hat Österreich ein staatliches Herkunftssystem aufgebaut. DAC steht für Districtus Austriae Controllatus und bezeichnet gebietstypische Qualitätsweine. Den Anfang machte 2003 das Weinviertel mit Grünem Veltliner. Das Kremstal folgte 2007, das Kamptal mit dem Jahrgang 2008, die Wachau ab dem Jahrgang 2020. Alle drei setzen auf die Pyramide aus Gebietswein, Ortswein und Riedenwein, wobei Ried der österreichische Begriff für eine Einzellage ist. In der Wachau ist für Riedenweine jede Anreicherung untersagt, gelesen wird von Hand. Das Kamptal hat sein Regelwerk 2024 neu gefasst, und zwar in zwei Schritten: Seit dem Jahrgang 2024 sind neben Grünem Veltliner und Riesling auch Chardonnay, Weißburgunder und Grauburgunder zugelassen. Ab dem Jahrgang 2025 dürfen laut Landwirtschaftsministerium und Österreich Wein nur noch Trauben mit Bio- oder „Nachhaltig Austria“-Zertifikat verwendet werden, ausgenommen sind nur sehr kleine Erzeuger.
Erste Lagen und der Heiligenstein
Die dritte Ebene ist die Lagenklassifikation. Treiber waren die Österreichischen Traditionsweingüter, kurz ÖTW, ein Zusammenschluss, den Winzer aus Kamptal und Kremstal 1991 gründeten, unter ihnen Willi Bründlmayer aus Langenlois. Seit 2010 kennzeichnen ÖTW-Mitglieder ausgewählte Rieden als Erste Lage, erkennbar am Kürzel 1ÖTW. An der Donau geht es dabei vor allem um trockenen Grünen Veltliner und Riesling. Die Wachau gehört nicht zu den ÖTW-Gebieten, sie hat mit der Vinea ihr eigenes System.
2023 wurde aus der privaten Initiative Recht: Die Weinbezeichnungsverordnung regelt seither die Begriffe Erste Lage und Große Lage für DAC-Weine aus klassifizierten Rieden. Eine Große Lage kann eine Ried frühestens fünf Jahre nach ihrer Einstufung als Erste Lage werden. Die ÖTW selbst sprachen von einem historischen Ziel, das erreicht sei.
Die Paradelage des Kamptals ist der Zöbinger Heiligenstein. Das Weingut Bründlmayer, das dort 12 der insgesamt 36,7 Hektar bewirtschaftet, beschreibt den Untergrund als rotbraunen, feldspatreichen Sandstein und Konglomerate aus dem Perm, entstanden vor etwa 250 bis 280 Millionen Jahren in einer trockenen, wüstenhaften Landschaft, durchsetzt mit Geröll aus vulkanischem Rhyolith. Der terrassierte Hang liegt zwischen 230 und 345 Metern Höhe und ist nach Süd-Südwest ausgerichtet. Ein Wüstenboden also, auf dem heute einer der bekanntesten Rieslinge Österreichs wächst. Die Erdgeschichte hat Humor.
Wie der Donau-Riesling schmeckt
An der Donau wird Riesling ganz überwiegend trocken ausgebaut, in den drei Vinea-Kategorien sogar ausschließlich. Im Vergleich mit vielen deutschen Rieslingen wirkt er oft etwas kräftiger im Körper, bleibt aber dank der kühlen Nächte frisch. Aus den Urgesteinslagen kommen häufig straffe, steinig wirkende Weine mit Steinobst und Zitrus, Smaragd-Rieslinge können ausgesprochen dicht und langlebig sein.
Wer die Unterschiede erkunden will, stellt am besten drei Flaschen nebeneinander: einen Federspiel aus der Wachau, einen Riedenwein aus dem Kremstal und eine Erste Lage vom Heiligenstein. Die Donau verbindet sie, das Gestein trennt sie. Und die Regelwerke sorgen dafür, dass man sich beim Lesen der Etiketten nie langweilt.