Woher er kommt
Die älteste bekannte Erwähnung stammt aus dem Jahr 1435: In einer Kellerrechnung der Grafen von Katzenelnbogen in Rüsselsheim am Main sind Setzreben „rießlingen“ verbucht. Genetisch ist Riesling ein Kind des Rheintals. Ein Elternteil ist der Weiße Heunisch, eine alte Massenträgersorte. Der andere geht nach heutigem Stand auf eine Kreuzung aus Wildrebe und Traminer zurück.
Im 18. Jahrhundert begann der Aufstieg zur Qualitätssorte. Klöster und Fürstbistümer an Rhein und Mosel ließen gezielt Riesling pflanzen. Im späten 19. Jahrhundert erzielten die besten deutschen Rieslinge auf den Weinkarten Preise auf dem Niveau der großen Bordeaux. Heute hat Deutschland die größte Rieslingfläche der Welt. Die Sorte steht hier auf knapp einem Viertel aller Weinberge.
Was ihn ausmacht
Riesling treibt spät aus und reift spät. Das klingt nach Nachteil, ist aber sein Geheimnis: Die Trauben hängen lange am Stock, bauen Aromen auf und behalten dabei ihre Säure. Diese Säure ist das Rückgrat jedes guten Rieslings. Sie lässt trockene Weine frisch und saftig wirken, balanciert Restsüße aus und macht die Weine über Jahrzehnte haltbar.
Dazu kommt ein Aromenspektrum, das von grünem Apfel, Zitrus und Limette über Pfirsich und Aprikose bis zu Kräutern, weißen Blüten und einer rauchig-salzigen Würze reicht. Riesling wird fast nie im neuen Holz ausgebaut. Die Winzer wollen die Frucht und die Herkunft zeigen, nicht den Keller.
Boden & Regionen
Riesling gilt als die Sorte, die ihren Boden am deutlichsten schmecken lässt. Das ist keine Romantik: Wer Rieslinge vom Schiefer und vom Kalk nebeneinander probiert, merkt den Unterschied sofort.
- Mosel, Saar, Ruwer: steile Hänge auf Devonschiefer. Filigrane, oft leichte Weine mit rauchiger Würze und viel Spannung. Heimat des klassischen Kabinetts.
- Rheingau: Taunusquarzit, Schiefer, Löss. Elegante, geradlinige Rieslinge mit langer Tradition, von Kloster Eberbach bis Schloss Johannisberg.
- Nahe: ein Mosaik aus Vulkangestein, Schiefer und Sandstein. Große Vielfalt auf kleinem Raum.
- Rheinhessen: Kalk und Mergel rund um Westhofen und Nierstein (Roter Hang). Kraftvolle, dichte trockene Weine.
- Pfalz: Buntsandstein, Kalk, Basalt, warmes Klima. Reife, saftige trockene Rieslinge.
- Mittelrhein & Franken: Schiefer am Rhein, Muschelkalk am Main. Kleine Mengen, oft unterschätzt.
- Österreich: Wachau, Kamptal und Kremstal auf Gneis und Urgestein. Trockene Rieslinge mit Kraft und Würze.
- Elsass und die Neue Welt: Das Elsass steht für trockenen, oft gewichtigen Riesling. Clare und Eden Valley in Australien, Neuseeland und die Finger Lakes in New York zeigen, wie weit die Sorte reisen kann.
Von trocken bis edelsüß
Kaum eine andere Sorte deckt die ganze Skala ab – und zwar auf höchstem Niveau. Grob lassen sich vier Stile unterscheiden:
- Trocken: höchstens 9 g/l Restzucker, sofern die Säure hoch genug ist. Vom leichten Gutswein bis zum Großen Gewächs.
- Feinherb / halbtrocken: eine spürbare, aber zurückhaltende Süße. „Halbtrocken“ ist gesetzlich definiert (bis 18 g/l), „feinherb“ nicht, meint aber meist Ähnliches.
- Fruchtsüß: der klassische Mosel-Stil. Kabinett und Spätlese mit deutlicher Süße, niedrigem Alkohol (oft 7,5–9 %) und viel Säure. Leicht, tänzelnd, verblüffend gut zum Essen.
- Edelsüß: Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese und Eiswein. Konzentriert, oft von Edelfäule geprägt, praktisch unbegrenzt lagerfähig.
Das Etikett lesen
Deutsche Etiketten gelten als kompliziert, dabei folgen sie zwei Logiken. Die erste sind die Prädikate – Kabinett, Spätlese, Auslese und so weiter. Sie beschreiben das Mostgewicht bei der Lese, also die Reife der Trauben. Traditionell stehen sie für fruchtsüße Weine, können aber auch trocken ausgebaut sein.
Die zweite ist die Herkunftspyramide des VDP (Verband Deutscher Prädikatsweingüter). Sie ist aufgebaut wie im Burgund: Gutswein, Ortswein, Erste Lage, Große Lage. Ein trockener Spitzenwein aus einer Großen Lage heißt Großes Gewächs (GG). Seit 2021 übernimmt auch das deutsche Weingesetz dieses Prinzip Schritt für Schritt: je enger die Herkunft, desto höher der Anspruch.
Für unsere Bestenlisten heißt das: Ein Gutswein kann ein fantastischer Alltagswein sein, und ein Ortswein von einem Spitzenweingut ist oft das beste Preis-Leistungs-Verhältnis im ganzen Sortiment. Beispiele dafür →
Reife & das Petrol-Rätsel
Junger Riesling zeigt vor allem Frucht und Frische. Mit den Jahren wird er komplexer: Honig, getrocknete Aprikose, Tee, Kräuter und eine Note, die Kenner „Petrol“ nennen. Verantwortlich ist die Verbindung TDN, die sich bei der Flaschenreife bildet, vor allem bei viel Sonne auf den Trauben. Manche lieben sie, andere nicht.
Ein guter Kabinett entwickelt sich oft zehn Jahre und länger. Große Gewächse brauchen meist fünf Jahre, bis sie sich öffnen, und edelsüße Weine überdauern Generationen.
Temperatur, Glas, Essen
Leichte und fruchtsüße Rieslinge schmecken bei 8–10 °C am besten, große trockene Weine eher bei 10–12 °C. Zu kalt serviert, verlieren sie Aroma. Ein mittelgroßes Weißweinglas mit leicht zulaufendem Kelch reicht völlig.
Beim Essen ist Riesling ein Alleskönner: Trockene Weine passen zu Fisch, Meeresfrüchten, Geflügel und Spargel. Feinherbe und fruchtsüße Weine mit wenig Alkohol sind ideal zu asiatischer Küche mit Schärfe, und edelsüße Weine begleiten Käse und Desserts. Mehr dazu in unseren Rieslingen zu Fisch.
Warum Riesling bleibt
Moden kommen und gehen. Riesling bleibt, weil er ehrlich ist: Er zeigt, wo er gewachsen ist, wer ihn gemacht hat und wie das Jahr war.
Dazu kommt ein kaum zu schlagendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Für den Preis einer mittleren Flasche Burgunder bekommt man bei Riesling oft einen Wein aus den allerbesten Lagen. Genau diesen Weinen und den Menschen dahinter ist dieses Magazin gewidmet.