Wer eine Flasche von Peter Lauer in die Hand nimmt, liest zuerst eine Zahl. Faß 9, Faß 12, Faß 18. Andere Weingüter erfinden für ihre Weine Namen, die nach Parfum oder Rennpferd klingen. In Ayl an der Saar genügt eine Nummer, und die ist, anders als manche Fantasiebezeichnung, sogar überprüfbar. Sie steht im Keller auf einem Fass.
Ein Keller mit Hausnummern
Das Weingut erklärt sein System selbst am knappsten: „Jedes Fass entspricht einem markanten Ausbaustil und einer besonderen Herkunft.“ Die Nummern folgen, so heißt es auf der Website, der Sitte des Großvaters, „der Hausnummer im Kellergewölbe“. Der Most bestimmter Weinberge wird jedes Jahr im selben Gebinde vergoren wie im Vorjahr. Dahinter steckt eine handfeste Überlegung: Die wilde Hefeflora überwintert im Holz, und so vergärt dieselbe Herkunft wieder in vergleichbarem Stil wie ihre Vorgänger. Die Fässer sind Fuder mit 1.000 Litern, und laut der Geschichtsseite des Guts wurden sie „schon immer“ einzeln abgefüllt.
Vergoren wird spontan, ohne Reinzuchthefen, lang und langsam, mit ausgedehntem Hefelager. Gelesen wird von Hand, meist von Mitte oder Ende Oktober bis in den November. Die Weine sind vegan, weil auf tierische Schönungsmittel verzichtet wird.
Warum die Nummern bis heute so prominent auf dem Etikett stehen, dazu gibt es eine zweite Geschichte. Nach Darstellung von JancisRobinson.com und des US-Importeurs vom Boden fasste das Weingesetz von 1971 die historischen Teilstücke der Ayler Kupp unter einem Namen zusammen. Die Fassnummer wurde damit auch zum Ersatz für verbotene Parzellennamen. Erst 2014 habe eine Rechtsänderung erlaubt, die alten Gewannnamen wieder auf das Etikett zu schreiben. Die Nummern blieben trotzdem, und das ist nachvollziehbar: Wer seit Jahrzehnten Faß 18 bestellt, will nicht plötzlich umlernen.
Die Kupp in Einzelteilen
Die Ayler Kupp ist das Herz des Guts. Der VDP führt sie als Große Lage mit drei Parzellen: Neuenberg, Kern und Unterstenberg. Dazu kommt im Katalog des Weinguts die Stirn, der flachgründige Gipfelkamm. Wer den Expertisenkatalog zum Jahrgang 2023 durchblättert, kann die Kupp regelrecht abschreiten:
- Faß 9, Kern: eine historische Parzelle mit rund 50 Prozent Hangneigung und 78 Jahre alten Reben, feinherb ausgebaut.
- Faß 12, Unterstenberg: der alte Hangfuß mit fein verwittertem Schiefer, Neigung zwischen 10 und 55 Prozent, Reben um 70 Jahre.
- Faß 15, Stirn: der Kamm, 65 Prozent steil, flachgründiger Boden.
- Faß 17, Neuenberg: laut Katalog schon 1835 dokumentiert.
- Faß 18, Kupp GG: nach Angabe des Guts die steilste und wärmste Stelle des Berges, 68 Prozent Neigung, der trockene Wein aus der Großen Lage.
Die Altersangaben beziehen sich auf den Jahrgang 2023. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet das Filetstück der Kupp erst 1956 zum Weingut kam. In diesem Jahr kaufte die Familie das Weingut Notar Tappen-Mungenast aus Saarburg und damit Parzellen in der Kupp und in der Lage Feils.
Außerhalb der Kupp arbeitet das Gut in weiteren Großen Lagen. Im Schonfels an einer Felsklippe stehen laut Katalog Reben, die 2023 schon 111 Jahre alt waren, bei 70 Prozent Neigung und mehr. Die Feils, deren Großes Gewächs das Gut als Saarfeils GG abfüllt und auf der Website „Saar-Feilser“ nennt, ist ein steiler Kieshang direkt am Fluss, dessen Boden das Gut mit dem des Médoc vergleicht. Lambertskirch, eine Monopollage, ist ein Sonderfall: Laut Mosel Fine Wines kaufte die Familie die aufgegebene, verbuschte Fläche 2010, rodete sie und bepflanzte sie 2012 neu; der erste kleine Ertrag kam 2014. Das Gut selbst spricht von Ablegern hundertjähriger Rieslingstöcke aus dem Saartal.
Zwischen trocken und feinherb
Stilistisch ist Peter Lauer ein Gut, das sich nicht auf eine Geschmacksrichtung festlegen lässt. „Unser Ausbaustil reicht von extra trocken bis edelsüss“, sagt Florian Lauer im VDP-Porträt. Statt der Prädikate auf jedem Etikett verwendet das Gut Symbole für die Geschmacksrichtung: trocken, trocken bis feinherb, feinherb, fruchtig bis edelsüß. Gerade die Zwischentöne haben den Ruf des Hauses geprägt. Laut VDP wurde ein feinherber Riesling des Guts dreimal vom Gault&Millau zum besten feinherben Riesling Deutschlands gewählt und kam 2018 in die Hall of Fame des Vinum Weinguides.
Florian Lauer hat, so der Journalist Wolfgang Staudt, in Hohenheim Agrarwissenschaften und in Montpellier Weinbau und Önologie studiert. Sein Leitsatz steht knapp im VDP-Porträt: „Die Landschaft in die Flasche bringen.“ Auf die Frage, wie er Tradition und Innovation verbinde, antwortet er dort mit einem Satz, der ahnen lässt, warum das Fasssystem überlebt hat: „Das wissenschaftlichste Studium zählt beim Wein wenig ohne jene schlitzohrigen Heuristiken der Vorväter.“
Fünf Generationen und ein Neuanfang
Die Familiengeschichte beginnt nach eigenen Angaben 1830 mit Matthias Könen. Matthias Lauer heiratete 1904 dessen Tochter und übernahm 1913 den Betrieb. Peter Lauer I, Jahrgang 1906, führte ihn ab 1938, Peter Lauer II, Jahrgang 1949, ab 1973. Seit 2006 arbeitet Florian Lauer, die fünfte Generation, im Weingut, seit 2013 ist es Mitglied im VDP. Heute bewirtschaftet es 13 Hektar, ausschließlich Riesling.
2026 hat sich die Führung verändert. Zum 1. Januar wurde das Weingut in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt, seit April arbeitet Florian Lauer als Klimaanpassungsmanager bei der Verbandsgemeinde Saarburg-Kell. Mit Max Kirsch, zuständig für Außenbetrieb, Finanzen und Personal, und Kellermeister Max Zellerhoff, der schon den Jahrgang 2025 verantwortet hat, sind zwei langjährige Mitarbeiter in die Geschäftsführung aufgerückt. Formal bleibt Florian Lauer nach Berichten von Vinum und wein.plus einer von drei geschäftsführenden Gesellschaftern, die gleichberechtigt entscheiden. Aus dem Tagesgeschäft hat er sich aber zurückgezogen und begleitet den Betrieb nur noch beratend im Hintergrund. Einen Abschied will Lauer darin nicht sehen: „Nein, der Familienbetrieb besteht fort, allerdings ergänzt um zwei neue Protagonisten, die die Tradition weiterführen“, zitiert ihn der deutsche weinbau.
Die Fässer bleiben, wo sie sind. Und solange im Gewölbe jedes Jahr derselbe Most ins selbe Holz läuft, bleibt auch das Zahlensystem das, was es immer war: eine sehr kurze Beschreibung einer sehr langen Geschichte.