Wer in Bremm an der Mosel steht und den Kopf in den Nacken legt, versteht sofort, warum dieser Hang berühmt ist. Der Calmont steigt hinter dem Dorf so abrupt auf, dass die Rebzeilen eher an Kletterrouten erinnern als an Landwirtschaft. Überall, in Prospekten, auf Weinetiketten und in Pressemitteilungen, trägt er denselben Titel: steilster Weinberg Europas. Ein schöner Superlativ. Die Frage ist nur, was er genau misst.

Die Sache mit den Zahlen

Beginnen wir mit dem, was man nachlesen kann. Rheinland-Pfalz Tourismus nennt in einer Pressemeldung „65 Prozent Hangneigung“. Das Deutsche Weininstitut schreibt von einer Steigung von „bis zu 60 Grad“, ebenso die Gemeinde Bremm auf ihrer Website. Die Wikipedia gibt „bis zu 68°“ an und rechnet das in rund 248 Prozent um. Das Weingut Amlinger aus dem Nachbarort Neef spricht von durchschnittlich 56 und höchstens 65 Grad, die Seite der Calmont-Region wiederum von stellenweise über 70 Prozent.

Das klingt nach Nuancen, ist es aber nicht. Prozent und Grad sind zwei verschiedene Maße. Eine Neigung von 100 Prozent entspricht 45 Grad, also einem Meter Anstieg auf einem Meter Strecke. 65 Prozent sind demnach etwa 33 Grad, sehr steil, aber begehbar. 65 Grad dagegen wären rund 214 Prozent, ein Gelände, auf dem man ohne Hände kaum noch stehen könnte. Irgendwo in diesem Durcheinander dürfte sich ein Übertragungsfehler eingeschlichen haben, der fleißig weiterkopiert wird. Für einen bewirtschafteten Rebhang klingen 65 Prozent plausibler als 65 Grad, einzelne Felspartien können natürlich weit steiler sein. Eine amtliche Vermessung, die das sauber belegt, haben wir nicht gefunden.

Hat der Calmont Konkurrenz?

Den Titel beansprucht er nicht allein. In Baden liegt im Bühlertal die kleine Lage Engelsfelsen, für die das Weinlexikon von wein.plus Neigungen von „bis zu 75° (373%)“ angibt. Die Wikipedia nennt beide Lagen nebeneinander als steilste Europas. Wer nachmisst, landet also schnell bei der Frage, ob man den steilsten Rebstock, die steilste Parzelle oder die steilste zusammenhängende Lage meint. Beim Calmont spricht für den Titel vor allem die schiere Wucht: ein großer, zusammenhängender Hang mit Terrassen, der sich laut Deutschem Weininstitut rund 290 Meter über die Mosel erhebt. Eine unabhängige, vergleichende Messung aller Kandidaten gibt es nach unserer Recherche nicht. Der Superlativ ist deshalb eher eine gut gepflegte Tradition als ein Messergebnis.

Arbeit an der Wand

Unstrittig ist, was die Steilheit für die Winzer bedeutet. Das Deutsche Weininstitut beziffert die Lage auf 22 Hektar, von denen derzeit etwa 14 bewirtschaftet werden. Die Gemeinde Bremm schreibt, dass Ende der 1990er Jahre nur noch 11,5 Hektar im Ertrag standen. Ein vereinfachtes Flurbereinigungsverfahren sollte dem Brachfallen entgegenwirken. Die Calmont-Region berichtet, dass dafür 70 Parzellen von 42 Eigentümern zusammengeführt werden mussten, nach jahrelanger Überzeugungsarbeit.

Maschinen helfen nur begrenzt. Seit den 1990er Jahren fahren Monorackbahnen durch den Hang, eine Einschienen-Zahnradbahn, die ursprünglich aus Japan stammt. Der Rest ist Handarbeit: Das DWI nennt bis zu 1.800 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr. Die Trauben müssen, so die Gemeinde Bremm, auf dem Rücken den Hang hinunter. Wie gefährlich die Arbeit sein kann, zeigt ein tragischer Fall: 2010 verunglückte der Bremmer Winzer Ulrich Franzen tödlich, als sein Schmalspurschlepper nahe dem Kloster Stuben im Calmont umkippte. Sein Sohn Kilian Franzen führt das Weingut seither gemeinsam mit seiner Frau Angelina weiter, auf fast zehn Hektar und nach eigener Angabe in hundert Prozent Handarbeit.

Der Boden ist ein Gemisch aus Schiefer, Quarzit und Sandstein aus dem Devon. Riesling dominiert. Die alten Trockenmauern, auf denen die Terrassen ruhen, wurden laut dem Weingut Amlinger schon seit dem frühen Mittelalter ohne Mörtel aufgeschichtet.

Klettern zwischen den Reben

Wer den Hang selbst erleben will, nimmt den Calmont-Klettersteig. Die Gemeinden Bremm, Ediger-Eller und Neef haben ihn 2002 angelegt, der Deutsche Alpenverein hat ihn gesichert. Auf rund 3,5 Kilometern geht es mit Stahlseilen, Leitern und Trittstiften quer durch die Weinberge, gut drei Stunden sollte man einplanen. Unterwegs gibt es Schutzhütten, etwa an der Galgenlay und am Gipfelkreuz, und im Sommer wird es im Fels laut Calmont-Region „weit über fünfzig Grad“ heiß. Schwindelfreiheit, festes Schuhwerk und viel Wasser sind keine Empfehlung, sondern Voraussetzung.

Oben wartet eine Überraschung aus der Antike. Auf dem Gipfel stand ein gallo-römischer Umgangstempel. Laut dem Kulturlandschaftskataster KuLaDig wurde er 2005 ausgegraben, Münzfunde reichen vom frühen 2. bis ins späte 4. Jahrhundert. Der Tempel wurde auf seinen originalen Fundamenten rekonstruiert.

Alt, steil, begehrt

Wie alt der Weinbau am Calmont ist, lässt sich nicht bis aufs Jahr sagen. Das Deutsche Weininstitut verweist auf das Reisegedicht des Venantius Fortunatus aus dem Jahr 588, die Gemeinde Bremm nennt 1373 als erste urkundliche Erwähnung. Beides muss sich nicht widersprechen: Das eine ist ein Gedicht über die Moselreise, das andere eine Urkunde.

Am Ende ist die genaue Gradzahl vielleicht gar nicht so wichtig. Wer einmal im Calmont an einem Stahlseil hing und nach unten auf die Moselschleife geschaut hat, wird den Titel nicht mehr anzweifeln wollen. Und wer eine Flasche aus dieser Lage öffnet, trinkt ohnehin etwas anderes als eine Zahl: bis zu 1.800 Stunden Handarbeit pro Hektar.