Eine Weinbergsbrache sieht im ersten Jahr noch harmlos aus. Im zweiten wuchern Brombeeren, im fünften stehen Birken zwischen den Pfählen, und nach zehn Jahren erkennt man den Weinberg nur noch an den Mauern, die langsam in sich zusammensacken. An der Mosel lässt sich dieser Film vielerorts in Echtzeit beobachten. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts, zitiert von der Deutschen Presse-Agentur, schrumpfte die Rebfläche im Anbaugebiet 2025 um rund 160 Hektar, vor allem wegen des arbeitsintensiven Steillagenweinbaus.

Der Rückgang ist nicht neu. Der Winzer und Weinbauwissenschaftler Ulrich Stein nannte 2011 bei einer Tagung des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz einen Rückgang der bestockten Fläche an der Mosel von 12.200 auf 8.800 Hektar seit 1990. Umso bemerkenswerter sind die Leute, die in die Gegenrichtung arbeiten.

Warum Steillagen aufgegeben werden

Die Antwort steht in jeder Kalkulation, auch wenn die Zahlen je nach Quelle schwanken. Ein Sprecher des Deutschen Weininstituts nannte der dpa rund 200 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr in der gut mechanisierten Flachlage und 1.000 in der Steillage, also das Fünffache. Für den terrassierten Calmont gibt das DWI an anderer Stelle bis zu 1.800 Stunden an. Das Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen rechnet vor, dass man in Handarbeit „an die 2000 Stunden“ braucht, um einen Hektar sinnvoll und nachhaltig zu bewirtschaften, gegenüber 250 bis 600 Stunden in mechanisierten Lagen. Deckungsgleich sind diese Angaben nicht, weil sie verschiedene Lagen und Arbeitsweisen vergleichen. Die Größenordnung aber ist bei allen dieselbe: Handarbeit am Steilhang kostet ein Vielfaches.

Rechtlich ist eine Steillage übrigens eindeutig definiert, zumindest auf dem Etikett. Nach § 34b der Weinverordnung darf „Steillage“ oder „Steillagenwein“ nur draufstehen, wenn die Trauben von Flächen mit mindestens 30 Prozent Neigung stammen. Für Förderprogramme und Pflanzrechte gelten teils andere Abgrenzungen, worauf Das Deutsche Weinmagazin hinweist. Deutsche Gründlichkeit kennt eben auch beim Gefälle mehrere Wahrheiten.

Calmont: 112 Parzellen, eine Idee

Ein frühes Beispiel liefert Bremm. 1999 erwarb Ulrich Franzen nach Angaben seines Weinguts mithilfe des Kulturamts Mayen im Calmont eine 1,5 Hektar große Fläche, verteilt auf 112 einzelne Parzellen, rodete die jahrzehntelang brachliegende Fläche und bepflanzte sie von Hand mit rund 7.900 Rieslingreben. Als Franzen im Juni 2010 bei einem Arbeitsunfall starb, würdigte ihn Vinum als Winzer, der mit Neuanpflanzungen dem Brachfallen im Calmont entgegengewirkt und sich für Monorackbahn und Kletterpfade eingesetzt habe. Sein Sohn Kilian Franzen führt das Weingut heute mit seiner Frau Angelina. Wie es um den Calmont insgesamt steht, erzählt unser Beitrag über Europas steilsten Weinberg.

Vollenweider: ein Schweizer in der Goldgrube

Daniel Vollenweider stammte aus Graubünden, war ursprünglich Vermessungstechniker und lernte das Weinmachen laut Vinum in Malans und ab den 1990er-Jahren beim Mosel-Weingut Dr. Loosen. 1999 begann er nach Angaben von Chambers Street Wines mit 1,3 Hektar in der Wolfer Goldgrube bei Traben-Trarbach, 2000 gründete er sein Weingut. Der New Yorker Händler beschreibt die Goldgrube als erstklassige Lage, die damals aus der Nutzung gefallen war. Wo der Wald in den Hang hineinwächst, liegen bis heute lange aufgegebene Parzellen, zwischen Bäumen und Gestrüpp stecken noch die alten Holzpfähle. In der Goldgrube stehen teils wurzelechte Reben, einige laut Weingut über hundert Jahre alt.

Aus dem einen Hektar wurden rund fünf, laut Weingut zu 90 Prozent in der Goldgrube. Vollenweider starb im Juli 2022 mit 52 Jahren. Moritz Hoffmann, seit 2019 Mitinhaber, führt das Gut weiter, seit 2025 zusammen mit Vinzent Ewest.

Der klitzekleine Ring: Bergrettung im Kollektiv

Vollenweider war auch Teil einer Gruppe, die das Retten zum Programm gemacht hat. Der klitzekleine Ring ist nach eigener Beschreibung ein Zusammenschluss von rund zehn Winzern aus der Umgebung von Traben-Trarbach, der Name spielt, so die Gestalter seines Auftritts, ironisch auf die traditionellen Verbände der Weinbranche an. Seit 2005 lädt die Gruppe nach Angaben des Weinguts Johann Lenz jeden September zur „Tafelrunde“. Ihr gemeinsamer Wein heißt „Bergrettung“ und stammt aus Parzellen, die sonst verloren gingen, und zwar, wie das Weingut Johann Lenz schreibt, „je nach dem, wo grade eine Fläche durch unsere Weiterbewirtschaftung für den Weinbau erhalten bleiben muss“.

Die erste Station war die Enkircher Ellergrub, von der es Bergrettung-Wein ab dem Jahrgang 2006 gab. Die Parzelle ging später an einen Winzer aus Traben-Trarbach. Die zweite war ein Stück im Trabener Zollturm, nach Angaben von Mosel Fine Wines und weinverkostungen.de etwa 0,3 Hektar alter Reben, die der Ring ab 2009 bewirtschaftete und 2016 an das Weingut Immich-Batterieberg von Gernot Kollmann übergab. Das Modell ist simpel: Die Gruppe pflegt eine Fläche so lange, bis jemand sie dauerhaft übernimmt.

Lambertskirch: Stecklinge von Hundertjährigen

An der Saar hat Florian Lauer vom Weingut Peter Lauer in Ayl die kleine Lage Lambertskirch zurückgeholt. Laut Mosel Fine Wines hatte das damalige Weingut Hausen-Mabilon die Reben dort im Jahr 2000 gerodet. 2010 kauften die Lauers die verwilderte Fläche, räumten sie sofort und bepflanzten sie 2012 neu, 2014 war der erste Jahrgang. Der Katalog des Guts nennt ebenfalls 2010 als das Jahr, in dem der Weinberg von der Verbuschung befreit wurde, und schreibt, er sei mit Ablegern hundertjähriger Rieslingstöcke aus dem Saartal bepflanzt worden. Heute führt der VDP Lambertskirch als Monopollage des Guts und als VDP.Große Lage. Mehr über das Weingut steht in unserem Porträt zu den Fassnummern von Peter Lauer.

Was der Staat beisteuert

Ganz allein sind die Retter nicht. Rheinland-Pfalz fördert im Agrarumweltprogramm EULLa die Maßnahme „Umweltschonender Steil- und Steilstlagenweinbau“, laut GAP-Strategieplan 2023 bis 2027 mit 765 Euro pro Hektar und Jahr in Steillagen und 2.555 Euro in Steilstlagen. Die Bedingungen: Erosionsschutz über den Winter, Vorgaben beim Pflanzenschutz und, in den Steilstlagen, kein Wegebau und kein Entfernen von Trockenmauern. Gemessen an 1.000 bis 2.000 Arbeitsstunden ist das eher ein Zuschuss zur Motivation als eine Vollfinanzierung.

Warum es sich trotzdem lohnt

Eine gerettete Steillage ist mehr als ein Weinberg. Auf den Trockenmauern leben Arten, die es anderswo kaum gibt. Heymann-Löwenstein verweist etwa auf den Apollofalter, dessen Raupen sich vor allem von der Weißen Fetthenne ernähren, einer Pflanze der Felsen und Mauern. Dazu kommen alte, oft wurzelechte Reben, die nicht nachwachsen, wenn sie einmal gerodet sind, und eine Kulturlandschaft, von der ein guter Teil des Mosel-Tourismus lebt.

Wirtschaftlich bleibt es ein Wagnis. Die Beispiele zeigen aber, dass es mehr braucht als Förderung: Leute, die bereit sind, in 112 Einzelparzellen zu denken, einen Wald wieder in einen Weinberg zu verwandeln oder mit Nachbarn eine Parzelle so lange durchzutragen, bis sich ein Nachfolger findet. Wer an der Mosel eine Flasche aus der Steillage kauft, bezahlt also nicht nur den Wein, sondern ein Stück Landschaft mit.